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Inspiration Nr. 3 - 2022

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Trotzigplanggstock

Trotzigplanggstock Wegweiser So wandern wir wenig später auf dem Hüttenweg der Sustlihütte entgegen. Steigen in steilem Zickzack höher und klettern ein paar Leitern hoch, denn wir haben den direktesten Hüttenweg – den sogenannten «Leiterliweg» – gewählt. Der Lärm der Passstrasse verschwindet bald unter uns und mit jeder Wegkehre tauchen weitere Gneiszacken rund um uns auf. Oft schon habe ich die Gipfelwelt des Meientals besucht, doch jedes Mal staune ich. «Welch wildes Land», denke ich mir auch diesmal wieder. Und wildes Land ist es in der Tat: so wild, dass Alpinisten dieses Gebiet erst spät für sich entdeckten. Zu einer Zeit, als die Alpen längst kartiert und alle Viertausender erklommen waren. Noch im Jahr 1915, als der Schweizer Alpen-Club SAC die Sustlihütte auf 2257 Metern Höhe eröffnete, fragten die Bergsteiger lokale Gemsjäger um Auskunft, wenn es darum ging, die Übergänge ins benachbarte Engelberg zu erkunden. Doch sobald die Gneisgipfel der nördlichen Seite des Meientals einmal in den Fokus gerückt waren, liessen die Bergsportler nicht lang auf sich warten. Zudem vereinfachten die ersten Kletterschuhe mit Sohlen aus Filz oder Bast auf einmal das Klettern im glatteren Fels. So kamen die frühen Felskletterer ins Meiental und waren begeistert. «Felsgipfel von erhabener Wildheit entragen den sie umgebenden Schneefeldern», schrieb SAC-Mitglied Henry Ludescher im Jahrbuch von 1908, und meinte damit den 1895 erstbestiegenen Wichelplanggstock (2974 m) und dessen noch unbestiegenen Nachbarn: den Trotzigplanggstock (2954 m). Als wir am nächsten Morgen von der Sustlihütte zum Südgrat des «Trotzig» aufsteigen, sind die Wege markiert und die Routen längst bekannt. Doch erhaben ist das Gebiet nach wie vor: Während die Morgensonne über Gipfel und Gletscher streicht, ziehen sich Wasserfälle wie Silberfäden über Felsflanken und Wildbäche sprudeln durch Hochtäler – eine Sze- nerie, wie die Bergmaler sie malten, als sie von ungezähmter Natur träumten. Uns kommt der Blick für die Bergwelt nach einer Weile abhanden: Nicht trotzig, aber stotzig führt der Zustieg auf den letzten 400 Höhenmetern stracks durch Geröll, Schutt und Schnee. Wir stapfen und keuchen bergauf, bis wir die Scharte endlich erreichen, die wie ein Axthieb zwischen Murmelsplanggstock und Trotzigplanggstock liegt und gleichsam die Pforte zum alpinen Glück aus Gneis bedeutet. 1919: Über den Südgrat auf die namenlose Spitze Auch Henry Ludescher und sein Seilkamerad stiegen vor 114 Jahren in diese Scharte hoch. Denn nach ihrer Klettertour auf den Wichelplanggstock blickten sie vom Gipfel nach Süden und hatten «nicht übel Lust, den namenlosen Felsgipfel zu erklettern, der den Charakter eines selbständigen Berges hat». Um ihn genauer zu inspizieren, kraxelten sie von der Scharte weiter auf den Murmelplanggstock. Dort kamen sie zum Schluss, dass ein Anstieg auf die namenlose Spitze von Süden her möglich wäre. «Doch reichte die Zeit zu einem Versuche nicht mehr aus.» Sie konnten nicht ahnen, dass ihnen andere bald zuvorkommen würden, indes nicht über den Südgrat, sondern durch eine einfachere Route in der Flanke. Anders als die Kletterpioniere, wissen wir dank Topo genau, was uns erwartet. Dennoch suchen wir im Schatten der Scharte eine Weile lang den Einstieg. Bis wir mit einem Mal die ersten Haken entdecken, die durch einen Aufschwung zum Grat leiten. Noch strahlt der Fels die Kälte des Schattens aus, ‹1› Die Passstrasse zieht sich wie ein Linealstrich am Berg entlang, unter ihr ein leuchtend grüner Talboden, darin Dörfer, in denen sich je eine Handvoll Häuser um eine Kirche scharen. Darüber Hänge, so steil, dass man die Gipfel weiter oben nur erahnt. Gipfel, welche die meisten Reisenden ohnehin nicht interessieren. Denn wer durch das Urner Meiental – so heisst das Hochtal – reist, hat meist ein anderes Ziel: möglichst schnell über den Sustenpass ins Berner Oberland fahren, oder zurück in die Zentralschweiz. Doch bevor die Strasse sich in Kehren zur Passhöhe emporwindet, steigen wir aus dem Postauto. Wir wollen genau in diese Gipfelwelt, die sich einige Hundert Höhenmeter über der Passstrasse verbirgt: eine Welt aus Gneis, deren Zacken und Spitzen Namen tragen, die kaum einer kennt. «Hoch Sewen» oder «Wichelplanggstock» etwa, auf die jedoch Kletterrouten führen, die zum Besten der Schweizer Alpen gehören. Wie auch jene Mehrseillängenroute, die wir uns ausgesucht haben: die Kletterei über den Südgrat auf den Gipfel des Trotzigplanggstockes. Eintauchen ins wilde Land 1908 gelang die Erstbesteigung des Trotzigplanggstockes durch die Nordwestwand 11 Jahre später kletterten Max Liniger und Hans Lauper über den Südgrat zum Gipfel 350 Klettermeter und 13 Seillängen bis in den oberen vierten Schwierigkeitsgrad müssen für den Südgrat bewältigt werden «Eine Szenerie, wie die Bergmaler sie malten, als sie von ungezähmter Natur träumten.» ‹2› ‹1› Die Sustlihütte SAC auf 2257 Metern Höhe ist die ideale Ausgangslage für alpine Klettertouren im Meiental. ‹2› Wichelplanggstock (2974 m), Trotzigplanggstock (2954 m) und der Murmetsplanggstock (2865 m) 36 37

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