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Inspiration Nr. 3 - 2022

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Wegweiser Signalgrat

Wegweiser Signalgrat Thema Rubrik Der Signalgrat, links unten noch als gemässigt steile Firnschneide sichtbar, steilt sich zum Gipfel hin immer weiter auf. «Ein aus der Ferne unmöglich erscheinendes Puzzle, das sich immer weiter auflöst – das ist der Reiz an grossen alpinen Routen.» Das Rifugio Margherita auf der Signalkuppe hält einen unumstrittenen Superlativ: nämlich den als höchste Berghütte der Alpen, 4554 Meter hoch. Logische Anschlussfrage: Gibt es dort auch die schönste Hüttenaussicht? Nun, das ist Geschmackssache. Aber alle, die schon von dort nach Süden und Osten geschaut haben, werden diesen Eindruck nicht mehr vergessen: Wie aus einem Flugzeug fällt der Blick auf die mehr als 4000 Meter tiefer liegende Poebene. Denn nicht nur die Terrasse der Hütte, sondern der gesamte Berg thront als Eckpfeiler des Monte-Rosa-Massivs wie ein gigantischer Balkon über dem Flachland. Am einfachsten erreicht man diesen Balkon von der anderen Seite. Über den Grenz- oder Lisgletscher führen relativ flache, wenn auch spaltige Routen zur Signalkuppe. Alleine ist man dort allerdings kaum. Das Versprechen auf viele leichte Viertausender lockt die Gipfelsammler in Scharen an. Wer sich also nicht durch Haupteingang, Foyer und Treppenhaus, sondern stattdessen unbemerkt auf den Balkon schleichen möchte, muss wie in jedem Theaterstück heimlich über die Regenrinne hinaufsteigen. Im Falle des Monte Rosa wäre das die Cresta Signal, die keine Regenrinne ist, sondern der Ostgrat des Berges. Dass die Cresta Signal recht unbekannt ist, hat Gründe: Die Flanken des Monte Rosa in der Schweiz und in Aosta sind gut erschlossen und verkehrstechnisch leicht erreichbar. Die Ostseite des Massivs dagegen ist wild und ursprünglich. Zwei abgelegene Täler führen zu den Orten Macugnaga und Alagna, letzterer ist unser Ausgangspunkt. Mit Doro fahre ich für diese Tour viele Kilometer durch die saftig grüne Valsesia. Von unserem Ziel sehen wir wenig, die regenwaldähnlichen Hänge verschwinden im Nebel. Als wir endlich einen Blick auf die glänzenden Gletscher erhaschen, müssen wir die Köpfe bereits wirklich weit in den Nacken legen! Festmahl im Logenplatz 3300 Höhenmeter trennen uns vom Gipfel, gerade mal 250 davon können wir mit einem alten Wanderbus erschummeln, ehe wir die schweren Rucksäcke schultern müssen. Es ist schwülwarm, die Eispickel an unseren Rucksäcken wirken fehl am Platz und wir bereuen keine Sekunde, zusätzlich zu den Bergschuhen leichte Laufschuhe dabei zu haben. Der Wald lichtet sich bald und wir erreichen das Rifugio Barba Ferrero, bereits 2247 Meter hoch, aber doch noch viel zu weit weg vom Gipfel. Nur bis zum Einstieg der Cresta Signal ist es von hier eine eigene Hochtour. Glücklicherweise liegt dort mit dem Rifugio Resegotti eine Biwakschachtel genau am richtigen Ort. Weiter also, über eine endlose Moräne in der Mittagshitze. Hoch über uns türmen sich die Südostwände von Signalkuppe, Parrotspitze und Vincentpyramide. Kaum zu glauben, dass diese Giganten von der anderen Seite aus nur Schneehügel sind! Auch der steile Ostgrat zur Signalkuppe wirkt wie ein unüberwindbares Bollwerk. Aber ist das nicht gerade der Reiz an grossen alpinen Routen? Ein aus der Fer- ne unmöglich erscheinendes Puzzle, das sich immer weiter auflöst, je näher man kommt? Vor der Capanna Resegotti sollte sich uns laut Karte eigentlich ein Gletscher in den Weg stellen. Doch der Ghiacciaio Sud delle Locce ist in den letzten Jahren auf ein kümmerliches Schneefeld zusammengeschrumpft, sodass wir auf dem frischen Gletscherschliff die bequemen Laufschuhe noch ein wenig länger anbehalten können. Erst auf 3300 Metern Höhe wird es Zeit für die Bergschuhe. Immerhin haben wir den Aufstieg zum Grossteil hinter uns. Hinter einer delikaten Randkluft finden wir Ketten, die zur Biwakschachtel führen – heute gibt’s keine bösen Überraschungen mehr, nur gute: Die «Biwakschachtel» entpuppt sich als trockene Hütte mit Kocher, Küche, Decken und WC. Hier lässt sich's aushalten! Noch besser wird es wenig später, als drei Einheimische zu uns stossen. Sie wollen nur eine entspannte Nacht hier oben verbringen. Aus ihren Rucksäcken zaubern sie jede Menge Leckereien von Baguette über Pasta bis Bier und laden uns grosszügig ein, als sie unsere jämmerlichen Alpinisten-Rationen sehen. Zur Krönung reissen die Wolken urplötzlich auf und geben den Blick frei auf die Täler und die Monte Rosa Ostwand. Die höchste Wand der Alpen – und wir haben den Logenplatz! Die Italiener sind ganz aus dem Häuschen und erklären uns, was für ein Glück wir haben. «Im Sommer sind hier abends immer Wolken. Es gibt nur ein paar Tage im Jahr, an denen es hier so eine Aussicht gibt!» Nach einer gemütlichen Nacht klingelt der Wecker wie immer viel zu früh. Es ist 03:00 Uhr, als wir ein paar Müesliriegel frühstücken. Noch ein paar Schlucke warmen Tee, dann müssen wir der kalten Realität vor der Hüttentür entgegentreten. Es ist sternenklar und windstill. Die Gipfelkrone 26 27

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