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Inspiration Nr. 3 - 2021

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WEGWEISER TESSIN Mit 65

WEGWEISER TESSIN Mit 65 Metern Höhe ist der Kirchturm von Intragna der höchste Campanile des Tessins. RUHENDES RASA Das ganzjährig bewohnte, autofreie Bergdorf ist Ausgangsort für unzählige Wanderungen. Zudem lockt es mit seiner Abgeschiedenheit: Mehr denn je suchen Menschen stille Flecken, wo der Trubel der Welt fernbleibt. Sonnenstrahlen streifen durch die steingepflasterten Gassen, eine Katze sonnt sich auf einem Fenstersims. Der Blick schweift weit über die Furchen des Centovalli. Am südwestlichen Horizont glitzern einige Gletschergipfel der Walliser Alpen. Doch das idyllische Bilderbuch- Fabio Minesso: Kaffeeröster, Barista und Wirt des Grotto Maggini in Intragna. führerische Düfte, das Wasser plätschert. In einer Falte verbirgt sich eine Mühle an Teichen, in denen die Sonne glitzert, von Azaleen umsäumt. Eine steinerne Bogenbrücke führt über den Bachgraben, es geht an einem kunstvoll bemalten Marienschrein vorbei. Genauso kunstvoll ist mitunter der Weg gepflastert, wie es sich für eine Mulattiera, einen Maultierpfad, gehört. Doch Infrastruktur und Manpower von damals hatten ihre Grenzen, nicht alles konnte transportiert werden, so Dellagana. Daher war der Handel auf Dinge spezialisiert, die man nicht selbst herstellen konnte. In leichtem Auf und Ab folge ich dem Pfad weiter, mal balanciert er an Felswänden entlang, mal durch terrassiertes Gelände, wo einst Getreide und Gemüse gedeihten, dann wieder durch Dörfer. Die Dörfer liegen alle an der Via del Mercato und nicht an der heutigen Hauptstrasse, die tiefer unten verläuft und erst Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Ob man wirklich von allen Dörfern den Kirchturm von Intragna sieht? Genau aus diesem Grund, vermuten manche, soll er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts so hoch errichtet worden sein, dass er bis heute mit 65 Metern den Superlativ «höchster Campanile des Tessins» belegt. Ein Blick von oben lohnt sich: Man sieht weit, aber auch tief. Unter einem sogar das Dach des Albergos Antico, wo es sich herrlich in mittelalterlichem Flair nächtigen lässt. Weil es als Bed & Breakfast allerdings nur Frühstück anbietet, speise ich abends im Grotto Maggini unten am Fluss. Dort entdecke ich nicht nur köstliche Speisen, sondern auch die Leidenschaft des Wirts für guten Kaffee. Drei Monate des Experimentierens habe es gebraucht, erzählt Fabio Minesso, um eine ausgewogene Mischung aus den Bohnen zu kreieren, die er einmal pro Woche selbst röstet. Das Fingerspitzengefühl dafür habe er von seinem Grossvater gelernt. Neben Salz und anderen Lebensmitteln wurde auch Kaffee auf der Via del Mercato transportiert. Dass diese Geschäfte etwas eingebracht haben müssen, zeigen die Patrizierhäuser von Verdasio, dreieinhalb Fussstunden von Intragna entfernt. In Verdasio biege ich von der Via del Mercato ab, um zur Seilbahn von Rasa zu gelangen. Diese hievt mich auf eine Höhenterrasse, auf der einem das Herz aufgeht und auf der einen Frieden einfängt. «So viel Wandel innerhalb nur einer Generation ist beispiellos.» Vom Balladrum oberhalb des Monte Verità geniesst man einen wunderschönen Seeblick. dorf war stark von der Landflucht betroffen: Von den ehemals 200 schrumpfte Rasa auf zehn Einwohner. Ein Glück, dass Anfang der 1960er-Jahre Hans Bürki auf einer seiner Wanderungen vorbeikam. Er traf ein junges Ehepaar, das seinen Besitz im entvölkerten Dorf verkaufen wollte. Bürki schlug ein und renovierte mit zahllosen Freiwilligen verlassene Häuser. Daraus entstand das Bildungs- und Ferienzentrum Campo Rasa, in dem Wanderer sehr heimelig übernachten können. Betrieben wird es von den «Vereinigten Bibelgruppen in Schule, Universität und Beruf», kurz VBG – einem Netzwerk evangelischer Christen, dessen Mitbegründer Bürki ist. Zum Essen im Campo gehört das Tischgebet, ansonsten sind sämtliche geistlichen Angebote freiwillig. Für den Aufstieg zum 1659 Meter hohen Pizzo Leone breche ich am frühen Morgen auf. Steile Wege führen auf diesen fantastischen Aussichtsgipfel auf dem Kamm zwischen Centovalli und Lago Maggiore. Wege, die wilde Tobel streifen, in denen noch lange Schnee liegen kann. Die Naturgewalten des Winters geben den Wegbauern jedes Jahr mühsame Renovierungsarbeiten auf. Das Besondere an der Route ist der «Aha-Effekt»: Wenn schlagartig der Wald am Kamm zurücktritt und offenen Alpgründen Platz macht – als würden sie direkt in den See fallen. Man fühlt sich frei wie ein Vogel, auch ohne Flügel. Winzige Boote ziehen weisse Gischtstreifen durch den Alpenfjord, direkt unter den Füssen lassen sich die Brissago-Inseln ausmachen. Der aussichtsreiche Abstieg führt durch alle Vegetationsstufen. Die alpine Flora wechselt in die mediterrane, das Karge ins Üppige. Das Villenviertel lasse ich rechts liegen, schwenke nach links und finde in Arcegno eine Herberge, die so ganz im Kontrast zum touristischen Rummel vom nahen Ascona steht. Das Hotel Zelindo ist eine Oase in stiller Natur. Ich fühle mich hier wie bei Freunden. Das Wirteehepaar, Wendy und Andrea, 16 INSPIRATION 03 / 2021 17

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