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Inspiration - Nr. 04.2021

GIPFELTREFFEN PASCAL

GIPFELTREFFEN PASCAL EGLI 36 Feldarbeit: Egli schleppt eine Radarantenne über den Glacier d’Otemma. STECKBRIEF PASCAL EGLI Pascal Egli, Jahrgang 1988, kommt aus St. Gallen und lebt in Leysin (VD). Er hat an der ETH Zürich und an der EPFL Lausanne sowie in Vancouver und Trondheim studiert und promoviert derzeit an der Universität Lausanne über die Geometrie und Dynamik subglazialer Kanäle. 2018 gewann er die Sky Classic Series im Rahmen der Skyrunner World Series und stellte im selben Jahr mit 32:21 min seine Bestzeit beim «Vertical Kilometer» auf. Zudem trainiert und berät Egli junge Bergsportler beim Aufbau ihrer Karriere. Egli ist Ambassador für «Protect Our Winters Switzerland». Wie ein Kugellager? Eher wie eine Hydraulikpresse. Teilwann wie viel Elektrizität geliefert werden kann. Unsere Wasserkraft wird künftig mehr von der Schneeschmelze und vom Regen abhängen, weniger von der Eisschmelze. Und zwar, weil wegen des Klimawandels schlicht und einfach nicht mehr so viel Eis da ist, das den Stausee füllen könnte. Sind eure Daten auch relevant zur Abwehr von Naturgefahren? Sie können zumindest dabei helfen. Zum Beispiel, wenn wir mit dem Radar Wassertaschen entdecken, die auf einen Schlag platzen und zu Überflutungen führen könnten. Auch Murgänge sind wahrscheinlicher, wenn ein Bach viel Sediment führt. Wie darf man sich deine Forschung in der Praxis vorstellen? Mit welchen Tools arbeitet ihr? Wir arbeiten vor allem mit einer ziemlich simplen Radarantenne, die wir am Rucksack befestigen und stundenlang im Zickzack über den Gletscher tragen, im Abstand von zwei Metern. Das erzeugt ein sehr engmaschiges Datennetz. Durch die Reflektion des Signals lässt sich sagen, ob Luft, Eis oder Wasser unter der Oberfläche sind. Die Präzision ist nicht sehr hoch, etwa im Dezimeter-Bereich, aber das reicht, um zu sehen, ob es Kanäle gibt oder nicht. Wie tief könnt ihr dabei sehen? In den Alpen hat das Eis sehr viel Wasser, anders als z. B. in der Antarktis. Das nimmt viel Energie aus dem Radarsignal. Es wäre natürlich toll, auch Kanäle in 200 oder 300 Metern Tiefe sehen zu können, aber das leisten die Antennen noch nicht. Auch beim Otemmagletscher haben wir hauptsächlich im unteren Teil der Gletscherzunge gemessen, wo das Eis ca. 50 Meter dick ist. Was sagen die Kanäle unter einem Gletscher aus? Uns interessiert vor allem die Hydraulik: Wie schnell fliesst das Wasser, wie hoch ist der Wasserdruck? Ein grosser Kanal hat mehr Fliesskraft als mehrere kleine, er kann mehr Gelände erodieren. Vom Wasserdruck in diesen Kanälen hängt z. B. auch ab, wie schnell sich die Auslassgletscher auf Grönland oder in der Antarktis bewegen. Wenn sie durch die Wasserkanäle gut «geschmiert» sind, dann bewegen sich die Eisschilde schneller ins Meer, wo sie schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen lassen. weise kann der Gletscher sogar durch den Wasserdruck angehoben werden. Zumindest für Stunden oder wenige Tage. Bei solchen Events fliesst das Eis kurzzeitig sehr schnell, bis sich das Wasser wieder einen Weg sucht und der Druck abnimmt. Gibt es eigentlich noch Alpengletscher, die nicht überwacht werden? Alle Gletscher, die in der Nähe einer Siedlung sind, sind ziemlich gut überwacht. Als zum Beispiel in Saas-Fee ein Abbruch am Weissmies drohte, hat man den Gletscher umgehend mit Lasertechnik überwacht. Aber es gibt über 1400 Gletscher in der Schweiz, die kann man nicht alle überwachen. Und man kann nicht alles zu 100 Prozent wissen. Vor zwei Jahren gab es eine Flutwelle in Zermatt, als eine kleine Wassertasche an einem Gletscher gebrochen ist. Die können sich auch sehr schnell bilden. Da war schon Glück dabei, dass es nur kleine Überschwemmungen gab. Welche Überraschungen gab es bei eurer Feldarbeit? Wir haben zur Vermessung der Eisdynamik auch immer wieder hochaufgelöste Drohnenbilder von den Gletschern gemacht. Dann ist ein grosser Kanal zusammengebrochen, auf 50 Metern Länge. Das Eis war sehr dünn, es geriet Luft hinein, und dann ist das Eis von innen heraus geschmolzen. Die Blöcke fallen mitten im Gletscher nach unten und werden vom Bach herausgeschwemmt. Das wird in die Rückzugsraten noch nicht wirklich einberechnet. Durch unsere täglichen Fotos und Höhenmodelle vorher und nachher können wir jetzt, quasi als Nebenprodukt, einen Artikel über dieses Phänomen schreiben. FOTO: ZVG Science-Fiction-Frage: Wann können Bergsteiger auf dem Handy in Echtzeit sehen, wo sich Gletscherspalten befinden? Puh, Stand heute ist das schwer vorstellbar. Für oberflächlich sichtbare Spalten müsste man ca. alle fünf Tage neue Luftbilder erstellen, um mit der Eisbewegung Schritt zu halten. Aber dann gibt es ja auch noch unsichtbare Spalten, und da wird es extrem aufwendig. Es wird rein finanziell niemand daran interessiert sein, pausenlos Helis mit entsprechenden Radar-Systemen fliegen zu lassen. Abgesehen von den Kosten: Wäre es moralisch nicht schade um das Abenteuer, wenn man jede Spalte live kartieren könnte? Das finde ich auch. Es ist manchmal ULTRA GLIDE DER TRAILRUNNING-SCHUH FÜR GANZTÄGIGEN KOMFORT ULTRA GLIDE Superleichter Komfort für lange Touren! INSPIRATION 04 / 2021 schade, alles zu wissen und unterwegs auf keinerlei Überraschungen mehr zu stossen. Eigentlich geht man ja in die Berge, um der normalen Welt zu entfliehen. Selbst GPS-Daten nehmen da schon ein Stück weit das Abenteuer weg. Wir haben im April die Haute Route von Chamonix nach Zermatt gemacht, da sind wir durch die Nacht gelaufen und hatten keinen gpx-Track dabei. Da ist dann trotzdem alles noch geheimnisvoll, und wir haben uns gelegentlich verlaufen. Aber wer weiss, vielleicht kann man in zehn Jahren per Augmented-Reality- Brille sehen, wo jemand fünf Tage zuvor entlanggegangen ist. «Meine Forscherkollegen schwimmen im See, wenn ich irgendwo hochlaufe.» Apropos Haute Route: Kommen wir mal zum Sportlichen. Du verschweigst galant, dass ihr die gesamte Tour in unter 18 Stunden gelaufen seid. Und die 1000 Höhenmeter läufst du in knapp über 32 Minuten … … 32:20 oder so, ja. Ein Kilian Jornet ist nur unwesentlich schneller und trainiert dafür 1200 bis 1400 Stunden pro Jahr. Wie kannst du das mit deiner Arbeit als Forscher vereinbaren? Das frage ich mich auch! Manchmal halte ich es für eine ziemlich dumme Idee, in beiden Sachen gut sein zu wollen – so werde ich nirgends bei den Besten sein. Natürlich trainiere ich weniger als Kilian, offenbar nicht mal die Hälfte. Aber bei kürzeren Rennen kann man auch mit nur zwei Trainingsstunden am Tag sehr viel 37

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