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Inspiration Nr. 02-2020

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WEGWEISER WEGWEISER

WEGWEISER WEGWEISER SKIHOCHTOUR BERNINA Morgenstimmung: Aufstieg über den Vedretta di Fellaria zwischen Rifugio Marinelli und Piz Palü. Unser Plan soll uns in die Nordflanke führen. Auch die ist nicht ohne. «Oft vereist …», hat Jürg morgens noch aus dem Tourenführer vorgelesen. Doch zumindest heute ist Eis kein Thema. Je tiefer unsere Spur in die Bernina hineinführt, desto tiefer ist die Neuschneeauflage. Knietiefer Pulver staubt, als wir vom 3387 Meter hohen Il Chapütschin zur Chamanna Coaz abfahren. Ein Traum! Im Hintergrund hängt wie eine kitschige Fototapete der Piz Roseg mit dem elegant geschwungenen Schneegrat zum Vorgipfel. Ist das nicht schon genug Roseg? RAUSCH DER TIEFE Klar, Skitourengehen kann entspannter sein. 1000 oder 1500 Höhenmeter gemütlich plaudernd aufzusteigen und dann genussvoll ins Tal zu schwingen – ich geniesse das. Doch mehr oder weniger regelmässig überkommt mich die Lust. Die Lust, in die Tiefe zu blicken, bei jedem Schwung die Schwerkraft zu spüren, das Gefühl, zwischen jedem Greifen der Kanten ein klein wenig zu fliegen. Das Zwischenplateau ist erreicht. Kurz durchatmen, zwei Bissen Riegel. Weiter, mit Fellen. Der Schnee ist pulvrig, aber stabil. Unter diesen Bedingungen sind die letzten 400 Höhenmeter ein Klacks. Gut eine Stunde später ist der Mythos Realität. Wir stehen auf der Schneekuppe, dem 3917 Meter hohen Vorgipfel des Piz Roseg. Und das Beste haben wir noch vor uns. Mit einer pulvrigen Schneefahne im Schlepptau zieht Jürg die ersten Schwünge. Los! Weich und fluffig fühlt sich der Schnee im Gipfelhang an, gleichzeitig gut gesetzt. Die perfekte Konsistenz. Zwei gleichmässige Schwunggirlanden zieren die Flanke. Erst als die Neigung flacher wird, unterbrechen wir tief schnaufend den Pulverrausch, blicken zurück. Seitlich in der Nordostwand blitzen grosse Blankeisfelder. Ein kurzes Schaudern läuft den Rücken hinab. «Ich stürze nicht, dessen bin ich mir sicher», hatte Heini Holzer gesagt, bevor er am 4. Juli 1977 in die Wand einfuhr. Der «Augenblick, wo der Tod zum Leben, die Angst zur Freude wird, der schönste Augenblick der Steilabfahrt», er sollte sich für Holzer ab diesem Tag nicht mehr wiederholen. SCHRECKSEKUNDEN IM COULOIR Respektvoll kontrolliert nimmt Jürg wenig später die Einfahrt ins steile Westcouloir in Angriff. Der Schnee hier ist hart, verharscht. Plötzlich strauchelt Jürg. Ein Ski hat sich gelöst. Die Skibremse greift nicht. Zwanzig Meter weiter unten schiesst der Ski über eine Geländekante. Entschwindet den Blicken. Im Geiste sehe ich ihn Hunderte Höhenmeter tiefer in einer Gletscherspalte verschwinden, will mir gar nicht ausmalen, wie der Tag nun weitergeht. Jürg zieht sich bereits die Steigeisen an. Abstieg. Währenddessen fahre ich vor an die Kante. Eine Schneefahne im Schlepptau, zieht Jürg die ersten Schwünge. PASSEN DIE BEDINGUNGEN? Nachmittags auf der Terrasse der Hütte klebt uns der Piz Roseg permanent vor der Nase. Spuren sind noch keine zu sehen. Ist der steile Zustieg über die Westflanke sicher genug? Jetzt, kurz nach dem Neuschnee? «Wunderschöne kombinierte Tour, wird meistens unterschätzt», steht auf gipfelbuch.ch. «Keine klassische Skitour, da grosse Teile des Aufstiegs mit Steigeisen bewältigt werden müssen», heisst es im Tourenführer. Was uns dennoch reizt: Eine durchgängige Abfahrt ist möglich – zumindest, wenn die Verhältnisse passen. Daumen hoch, signalisiert Hüttenwirt Ruedi Schranz. «Dieses Jahr waren schon ein paar Leute oben, die Bedingungen sind gut», meint er. Wo geht's lang? Routenfindung auf der einsamen Südseite des Bernina-Massivs. Ich schlafe unruhig. Liegt es an den Schauergeschichten um den Roseg? Vielleicht ist es auch nur der enge Schlafplatz in der vollgepackten Hütte. Endlich, der Wecker piept. Ein stiller Morgen. Ohne Wind. Die Sonne vom Nachmittag und der Frost der Nacht haben den Schnee festgebacken. Doch so fest auch nicht. Immer wieder brechen wir durch die Harschkruste knietief ein. Erst als die bis zu fast 50 Grad steile Rinne zum Zwischenplateau erreicht ist, wird der Schnee kompakter. Mit Steigeisen an den Füssen und Pickel in der Hand gewinnen wir zügig an Höhe. Pulvergenuss: Abfahrt vom Il Chapütschin zur Chamanna Coaz. 14 INSPIRATION 02 / 2020 15

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