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Inspiration 3/2018 dt

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WEGWEISER ENGADIN Er ist

WEGWEISER ENGADIN Er ist der älteste Nationalpark der Alpen. Ein Stück unberührter Natur im Engadin. Vor allem im Herbst zur Hirschbrunft lockt ein Vier-Tages-Trek durch den Schweizerischen Nationalpark. Unterwegs mit einem Parkwächter. TEXT & FOTOS IRIS KÜRSCHNER HINTER DER STRASSE LIEGT DIE WILDNIS Ein kehliges Klagen hallt durch das Tal. Schwillt an, wird wieder schwächer. Fast unheimlich hallt es von den Wänden wider, die wie Wüstenberge wirken. Rinnen und Muren fliessen in goldenen Farben gen Tal, wo sie von dichten Wäldern verschluckt werden. Domenic Godly kommt oft in den Genuss der einzigartigen Stimmung hier im Schweizerischen Nationalpark. Heute Morgen steigt er mit zwei Wanderern vom Ort Zernez im Engadin zur Berghütte Chamanna Cluozza auf. Die drei stehen im Schatten mächtiger Bergkiefern über dem Cluozza-Bach und blicken auf die karge Landschaft hinaus. Es ist Herbst und die Brunft der Hirsche in vollem Gange. «Vor hundert Jahren waren die Rothirsche hier quasi ausgerottet», erzählt Domenic. Heute leben wieder an die 2000 Hirsche im Nationalpark. Der viertägige Trek, auf dem die Gruppe unterwegs ist, bietet jede Menge Gelegenheit, Hirsche und zahlreiche andere Tiere aufzuspüren. Die Tour orientiert sich an der Ofenpassstrasse, die von Zernez ins Val Müstair und weiter nach Südtirol führt. Sie teilt den Nationalpark in eine Nord- und eine Südhälfte. Die ersten beiden Tage der Wanderung verlaufen von Zernez aus südlich der Strasse nach Osten. Die beiden letzten Etappen schlagen nördlich von ihr einen Bogen. EIN SENSATIONSFUND Zum Auftakt wandert die Gruppe zur einzigen Berghütte des Parks hinauf. Domenic geht mit raschen Schritten voraus. Wenn er keine Besucher führt, passt er als einer von acht Parkwächtern auf, dass die schützenden Regeln im Nationalpark eingehalten werden. Ausserdem überwacht er den Tierbestand, kümmert sich um die Instandsetzung von Wegen, Brücken und Hütten und unterstützt Forschungsprojekte. Der 60-Jährige ist unglaublich fit. Das muss er auch sein, denn er ist bei jedem Wetter unterwegs, tagaus tagein, auf Wegen und querfeldein. Einmal, den Tag wird er nie vergessen, traf er auf ungewöhnliche Abdrücke im Fels: Dinosaurierspuren – ein Sensationsfund. Damals stieg Domenic den Grat des Spi da Tantermozza hinauf. Kein Wanderer hatte jemals zuvor einen Fuss dorthin gesetzt, dafür aber ein Prosauropode. Der Pflanzenfresser hinterliess gigantische Fussabdrücke in einer Felsschicht aus der Triaszeit. «220 Millionen Jahre alte Spuren zu finden, die so gut erhalten sind, das war schon ein kribbeliges Gefühl», sagt Domenic rückblickend. Jede einzelne der vier Krallen war genau erkennbar; das Riesentier mit einer Körperlänge von fünf bis acht Metern pflegte auf zwei Beinen zu gehen. Bereits 1961 entdeckten Geologen auf einer Felsplatte des Piz dal Diavel Dinosaurierspuren. Die Urtiere spazierten dazumal am Rande eines seichten Ozeans, dessen Schichten erst während der Alpenbildung an ihren heutigen Standort gelangten. SEHNSUCHTSORT Das Revier der Saurier sieht man von der Cluozza-Hütte aus. An ihrer Balustrade späht ein 13-Jähriger mit dem Fernrohr in der Dämmerung jedoch nach kleinerem Wild: nach Hirschen, Rehen und Gämsen. Seit acht Jahren führen seine Eltern die Nationalparkhütte, ein verwunschenes Blockhaus. Marlies und Jürg Martig haben sich mit ihrem Sohn Tim einen Traum erfüllt: Jürg, eigentlich Bergführer, wollte sich schon lange als Hüttenwirt versuchen, doch Marlies scheute die unwirtlichen Höhen. Als die Familie 2009 zufällig hier vorbeiwanderte, war es Liebe auf den ersten Blick. «Hier kannst du nicht abstürzen und musst dich auch nicht mit Gletschern auseinandersetzen», erklärt Marlies und schmunzelt. Die Hütte liegt auf 1882 Metern, unweit der Ofenpassstrasse und doch an einem weltentrückten Flecken. Dass man diese stille Schönheit geniessen kann, ist den Botanikern und Forschern zu verdanken, die 1914 im Val Cluozza den 12 INSPIRATION 03 / 2018 13

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