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Inspiration 2/2018 dt

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STANDPLATZ BOULDERN IM

STANDPLATZ BOULDERN IM GLEICHGEWICHT Grampians, Hueco Tanks, Rocklands – für Mary Gabrieli kommt es nicht darauf an, wie bekannt eine Boulder-Region ist oder welche Schwierigkeitsgrade sie zu bieten hat. Vielmehr faszinieren sie die Atmosphäre, die Menschen und Kulturen um den Fels herum. Seit 30 Jahren bestimmt Bouldern ihr Leben. Wir trafen sie in Cresciano, dem Boulder-Top-Spot der Schweiz. TEXT BARBARA MEIXNER liche Sicht auf die Dinge. Ähnlich wie bei einem Boulder. Sie blickt auf den rötlichen Stein, der sie gut zwei Meter überragt. «Wie muss ich mich bewegen, um eine Route zu schaffen? Welches Material liegt mir vor und wie gehe ich damit um? Der Fels als Ganzes ist ausschlaggebend.» Angefangen hat alles mit einem Englischkurs Ende der 80er-Jahre. «Wir wollten während unseres USA-Aufenthalts ein bisschen Klettern gehen und sind im Joshua-Tree-Nationalpark gelandet», sagt Mary Gabrieli. Dass sie dort auf eine lebenslange Leidenschaft treffen würde, damit hatte die damals 20-jährige Zürcherin nicht gerechnet. «Im Nationalpark hatte es zahlreiche kleinere Felsen und wir probierten das mit dem Bouldern einfach mal aus!» Was folgte: eine halbjährige Reise kreuz und quer durch die USA – von Boulder zu Boulder – und ein Leben an und mit Felsen. Berge bestimmen seit diesem Zeitpunkt den Lauf der Dinge, egal, ob bei der Wahl des Reiseziels oder der beruflichen Entscheidung. «Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Aber dafür war ich zu sehr abgelenkt», erzählt Mary. Nicht im Negativen, wie sie betont. Durch das Bouldern ergab sich einfach alles anders als ursprünglich geplant. Als Mitarbeiterin eines Schweizer Importeurs für Outdoor-Ausrüstung ist sie auch während ihrer Arbeit in ständigem Kontakt mit dem Sport. Dennoch gerät ihr jugendliches Interesse für Medizin und Gesundheit nie in Vergessenheit. Vor 15 Jahren beginnt sie parallel zu ihrem «normalen» Beruf eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM). Warum alternative Heilmethoden? Mary interessiert die ganzheit­ Dass es der 157 Zentimeter grossen Frau nicht darum geht, mit ihren Leistungen zu prahlen, merkt man spätestens, wenn es um das Thema Schwierigkeitsgrade geht. Etwas verlegen muss sie erst ihren Partner, Boulder-Profi und -Legende Fred Nicole fragen. Denn Mary führt keine Liste. «Mir gefällt es, wenn ich eine entdeckte Linie schaffe zu durchsteigen. Ich glaube, ich bin im Moment bei einer 6c. Habe aber auch schon eine 7b geklettert.» Doch allein die Bewertung eines Boulders ist für die Frau mit der wilden Lockenmähne Nebensache. Draussen am Fels zu sein und dessen Umgebung spielen für sie eine weit grössere Rolle. Die Menschen, die Natur, aber auch Kultur und Literatur – einfach alles, was um den Stein herum passiert. Besonders spannend findet sie daher das nahe Paris gelegene Boulder-Gebiet Fontainebleau, ein Wald, der von magisch anmutenden Felsformationen durchzogen ist. «An diesem Ort kann ich schnell einmal das Schloss Fontainebleau um die Ecke besuchen oder für einen Tag nach Paris fahren, um dort Kunst und Kultur zu erleben.» Und selbstverständlich spielt auch Partner Fred eine grosse Rolle bei der Reiseplanung. «Mit ihm hatte ich zum Glück immer die Möglichkeit, viel zu reisen. Wenn für Fred ein Projekt ansteht, dann planen wir gemeinsam.» FOTO : ZVG 48

MARY GABRIELI «Viele junge Boulderer sind sich nicht bewusst, wie privilegiert sie sind, ohne Einschränkungen zu reisen und die Natur nutzen zu können.» PRIVILEG DER FREIEN NATUR Doch ihre ursprünglichen Lieblingsziele sind heute zugänglicher und werden stärker frequentiert. Vor allem in Gebieten wie Hueco Tanks in Texas oder in den südafrikanischen Rocklands hat sich daher in den vergangenen 30 Jahren viel verändert. «Grundsätzlich finde ich es zwar gut, dass sich mehr Menschen für den Sport interessieren und rausgehen. Aber manchmal bekomme ich den Eindruck, dass viele junge Boulderer sich nicht mehr bewusst sind, wie privilegiert sie sind, ohne Einschränkungen zu reisen und die Natur nutzen zu können.» Auch hier in Cresciano sind an manchen Tagen gut 200 Menschen unterwegs. Dass nicht alle die Umwelt im Fokus haben, sondern das Leistungsdenken überwiegt, sieht die erfahrene Kletterin durchaus kritisch. «Das Verhalten in der Natur sollte eigentlich allen klar sein. Dem ist aber nicht so und wir treffen immer wieder auf Toilettenpapier, Zigarettenstummel, Tape-Reste oder auch Getränkedosen und -flaschen.» Doch nicht nur die offensichtliche Umweltverschmutzung stösst bei Mary auf Unverständnis. «Es gibt Leute, die unbedacht Bäume fällen und Pflanzen vor einem Boulder entfernen, um die Linie zu klettern. Sie überlegen sich nicht, dass ihr Tun enormen Einfluss auf das natürliche Gleichgewicht haben kann», sagt Mary. Daher versucht sie mit anderen aktiven Bergsportlern durch gezielte Aufklärung, die sozialen Medien und Aufräumaktionen hierfür ein Bewusstsein zu schaffen. «Sollten wir nicht alle versuchen, das Privileg von freier Natur zu erhalten, um es an die nächste Generation weiterzugeben?» Mit diesen Worten studieren ihre Augen den nächsten Stein. Langsam und bedächtig, um die Ganzheit der Linie und die Umgebung zu verstehen. Info zum Thema «Chasinthe-Rubbish» finden Sie unter: baechli-bergsport.ch/chasintherubbish INSPIRATION 02 / 2018 49

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