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Inspiration 2/2018 dt

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WEGWEISER Im Überhang

WEGWEISER Im Überhang der «Nezer Cave». Adam Ondra klettert die Route «Matrix» (8c+) onsight. zum Ausklettern eine 8b+. Im Licht der Stirnlampe versucht Adam schliesslich eine Kombination zweier Routen, deren Züge allerdings nicht gelingen möchten. «Das könnte auch eine 9c sein», meint er, «aber unlohnend.» Schliesslich gibt er auf. Als wir wieder zur Ebene hochsteigen, ist der Muezzin verstummt. Hyänen heulen. Wir steigen in Ofers kleinen Hyundai – knapp fahrtauglich, Seile im Kofferraum und Black-Diamond-Aufkleber, die die Rostflecken am Heck knapp bedecken. Die Fahrt nach Haifa dauert rund zwei Stunden. Adam nach Israel zu holen, bedeutete einen immensen Aufwand für Ofer, was allerdings weniger an Adam lag als an der Koordination mit den Behörden. Für die Nezer Cave musste extra eine Bewilligung zum Klettern eingeholt werden, da sie um diese Jahreszeit eigentlich geschlossen ist. Überhaupt sind die behördlichen Verbote ein Problem. «Die meisten Gebiete sind ohne ersichtlichen Grund gesperrt», erzählt Ofer. Das generelle Kletterverbot hängt auch damit zu sammen, dass man den Staat als Landeigentümer verklagen könnte, falls einem etwas zustossen sollte. DER BESTE FELS DER WELT? Wie schätzt er das Potenzial ein, will ich von Adam wissen. «Die Nezer Cave gefällt mir sehr gut, aber das wird trotzdem nicht der neue Hotspot des Kletterns», meint er trocken, «dazu ist die Grotte zu klein und die Konkurrenz rund um das Mittelmeer mit Griechenland, Türkei, Italien, Spanien zu gross». Wir fahren am Galiläa-See vorbei – auf der anderen Seite liegt Jordanien. Es ist dunkel und es sind kaum Lichter auszumachen. Wir kommen auf das norwegische Flatanger zu sprechen, wo Adam Ondra kürzlich Klettergeschichte geschrieben hat, als er mit «Project Hard» die erste 9c der Welt geklettert ist. Für Adam ist das der beste Fels der Welt: «Das sind einfach richtig klassische Boulder, wie sie sonst am Boden liegen, die du dort in 45 Metern Höhe antriffst. Und bis du auf der Höhe bist, kletterst du oft 8b oder mehr.» Adam hat schon rund dreissig Wochen in Flatanger verbracht, um Change und jüngst Silence zu klettern. Beides Meilensteine: erste 9b+ der Welt und erste 9c. Und was kommt als Nächstes? Er schmunzelt nur: «Ich habe immer noch viele Projekte in Italien, Spanien, Norwegen, Tschechien … 9b, 9b+, vielleicht härter …» Ofer Blutrich ist ein stiller Mann mit schwarzen Locken. Als ich ihn am Ende eines voll bepackten Klettertags frage, ob er müde sei, antwortet er nur: «No, I wanna go on.» Der Mann ist voller Energie. Aber er wirkt manchmal müde, nachdenklich, fast etwas teilnahmslos. Von den endlosen Erklärungen? Von den Verhandlungen mit den Behörden? Die Autofahrt durchs nächtliche Jordantal nach Haifa dauert – es bleibt viel Zeit, übers Sportklettern zu diskutieren. Wer klettert als Nächstes 9c? Wann wird die erste 10a geklettert? Natürlich gibt es darauf keine Antworten. 36

ISRAEL ISRAEL IN ZAHLEN 8 KLETTERHALLEN GIBT ES AKTUELL IN ISRAEL 30 KLETTERGEBIETE LISTET DIE WEBSITE 27CRAGS.COM FÜR ISRAEL 32 SPORTKLETTERROUTEN UND EINEN BOULDER KÖNNEN IN DER NEZER CAVE GE KLETTERT WERDEN Gewürze, die zu bunten Haufen geformt sind. Wir stehen am Grab von Jesus und an der Klagemauer, als sich jüdische Gläubige zum Shabbat einfinden. Am Ende des Tages sitzen wir erledigt in der Hotellobby. Adam liest immer noch Dinge auf Wikipedia nach: «Das armenische Viertel haben wir nicht gesehen.» Am nächsten Tag suchen wir ein Klettergebiet in der Westbank auf, es liegt am Übergang zur judäischen Wüste. Im Sommer herrschen hier Temperaturen um 40 Grad Celsius, an Klettern ist nicht zu denken. Jetzt im November geniessen wir angenehme 20 Grad. Wir passieren den Checkpoint zum palästinensischen Autonomiegebiet des Westjordanlandes. Adam versucht die härteste Route: 8c. Im Onsightversuch fällt er am Schlüsselzug. Als er ein zweites Mal einsteigt, steht die Sonne hoch. Er fällt wieder. «Zu heiss», sagt er. Wir ziehen ab. Den Rest des Tages verbringen wir am Toten Meer. Weit vor der Küste liegt ein verlassener Bootssteg mitten im Sand. «Der Wasserspiegel senkt sich jährlich um einen Meter», erklärt Ofer. Weil sämtliche Zuflüsse für die Stromgewinnung genutzt werden, fehlt der Frischwasserzulauf. Das Wasser besteht zu einem Drittel aus Salz, Schwimmen in der Lauge ist eine spezielle Erfahrung wegen des starken Auftriebs. Als Kletterer verbindet mehr als ein Seil: Adam Ondra und Ofer Blutrich nach Adams Erstbegehung von «Climb Free» (9a). Ich frage stattdessen, ob Adam sich Gedanken macht zur politischen Dimension, die seine Reise nach Israel annehmen könnte. «Ja, das habe ich», antwortet Adam ganz ruhig. Er ist nicht der Typ Kletterer, der nur Augen für Felsen hat. Und er fügt an: «Ich komme viel herum, ich wäre dumm, wenn ich mich nicht für Land und Leute interessieren würde.» Dennoch: Wer sich nach Israel einladen lässt, wird automatisch zum Repräsentanten eines umstrittenen Staats. Und plötzlich ist alles Politik, wie Adam später erfahren wird. Tatsächlich spielen Land, Leute und Kultur bei diesem Trip eine grössere Rolle als das Klettern selbst. Am Ruhetag führt uns ein Guide durch Jerusalem, die pulsierende Stadt, in welcher drei von fünf Weltreligionen verwurzelt sind. Wir schlängeln uns durch den Markt, probieren Fruchtsäfte, Fladenbrote und an einem iranischen Stand INSPIRATION 02 / 2018 37

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