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Inspiration 1/2018 dt

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WEGWEISER CERRO KISHTWAR

WEGWEISER CERRO KISHTWAR EISKALTE HERAUSFORDERUNG TEXT THOMAS HUBER FOTOS HUBER / SIEGRIST / ZANKER / BÜHL Was tun, wenn Stephan Siegrist fragt, ob man mit ihm den Cerro Kishtwar besteigen möchte? Zusagen natürlich. Das gilt zumindest für Thomas Huber und Julian Zanker. Die bringen neben ihren alpinistischen Fähigkeiten und ihrem Tatendrang auch ihre eigenen glücksbringenden Rituale mit nach Kashmir. Trotzdem müssen sie vor Ort eine schwere Entscheidung treffen … Um drei Uhr nachts reisst uns Surij, der Koch, militärisch aus unseren Träumen. Es ist sternenklar und eiskalt. Julian, der Jüngste unter uns, streckt sich nach vorn und zieht den linken Bergschuh vor dem rechten an. Auch Alpinisten sind abergläubisch. Oder gerade? Nach einem kurzen Frühstück verlassen wir das Basislager. Unser Ziel: Die Nordwestwand des Cerro Kishtwar. Ein zweites Mal. Ob wir dieses Mal erfolgreich sein werden? Erwartungsvoll sucht Stephan den Himmel nach glücksverheissenden Sternschnuppen ab. Ich selbst lege einen kleineren rötlichen Stein auf einen grossen herzförmigen, dessen Spitze zum Cerro zeigt. Jeder hat sein eigenes Ritual. Vor uns ragt die senkrechte Granitwand in den Himmel. Die Herausforderung, das Abenteuer. Jetzt oder nie! EIN ANBLICK ZUM SCHWÄRMEN Ein Jahr zuvor hat mir Stephan ein Bild des Cerro Kishtwar geschickt. Perfekt, denke ich. Als könne es nichts Besseres geben. Der Sechstausender im Kashmir, der an den Cerro Torre erinnert, lässt Alpinisten immer wieder ins Schwärmen geraten. Mick Fowler und Steve Sustad waren die Ersten, die 1993 den 6155 Meter hohen Gipfel über die Nordwest- und Nordostwand erreichten. Fast zwei Jahrzehnte vergingen, bis er ein weiteres Mal bezwungen wurde: Von Konflikten geprägt, wurde Kashmir Mitte der Neunziger für ausländische Alpinisten gesperrt. Erst ab 2010 wurden die Bestimmungen etwas gelockert – bereits ein Jahr später reiste Stephan in die zwischen Indien, Pakistan und China umstrittene Region mit ihren zahlreichen Sechs- und Siebentausendern. Gemeinsam mit Denis Bordet und David Lama bestieg er den Cerro Kishtwar über die Nordwestwand. In den folgenden Jahren kehrte Stephan immer wieder nach Kashmir zurück, realisierte sieben Erstbesteigungen und eine neue Linie am Kishtwar Shivling. Nun hat er eine neue Route auf den Cerro Kishtwar im Kopf. Durch eine bislang undurchstiegene Wand. Nach zwei gescheiterten Versuchen am Latok I bin ich von der Idee sofort angetan. Ein drittes Scheitern in Folge würde meinem Selbstbewusstsein als Bergsteiger wohl einen Knacks versetzen. Eine gedankliche und praktische Pause vom Latok I, ein anderes Ziel und eine andere Herausforderung sind genau das, was ich jetzt brauche. «Bin dabei», schreibe ich zurück. «Wann geht’s los?» VORBEREITUNGEN VOR ORT Kashmir, ein Jahr später. Anfang September wandern Stephan und ich auf einem Pilgerweg durch das besiedelte Machail-Tal, in dem sich eine der wichtigen hinduistischen Tempelstätten befindet. Im August pilgern rund 80‘000 Menschen zum Tempel, Touristen trifft man dagegen selten an. Als wir vorbeikommen, ist der Ort verlassen. Bunte Fahnen flattern im Wind und nur der Müll am Wegesrand zeugt von den Menschenmassen, die hier im vergangenen Monat unterwegs waren. Hinter Machail wird die Landschaft ursprünglicher. Nach einer Nacht in Sumchan, dem letzten – nun buddhistischen – Dorf «Es war für mich eine grosse Chance, mit Stephan und Thomas unterwegs sein zu dürfen. Ich konnte viel von ihnen lernen.» JULIAN ZANKER INSPIRATION 01 / 2018 25

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