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Inspiration - 02.2019

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GIPFELTREFFEN TAMARA

GIPFELTREFFEN TAMARA LUNGER GIPFELTREFFEN Helikopter. Er sagte: «Ich kann dir deine Knieschmerzen nicht nehmen. Aber wenn du willst, lehre ich dich das Fliegen.» Und da habe ich die Schmetterlinge wieder gespürt. Ich hatte wieder etwas, wo ich meine ganze Energie, Konzentration und Passion hineinstecken konnte. Im Herbst 2017 hast du mit dem Gleitschirm die Sechstausender im indischen Himalaya umkreist. Siehst du dir die Berge mittlerweile lieber von oben an? Ich bin mit Aaron Durogati aus Meran im Tandem geflogen. Aaron ist zweifacher Weltmeister im Paragliden. Mir war zu diesem Zeitpunkt wichtig, ohne grosses Ziel der Zeit ihren Lauf zu lassen. Einen Monat lang haben wir uns einfach treiben lassen. Ein tolles Abenteuer, auch wenn es ganz anders war als meine Achttausender-Expedi- Lunger während der ersten Winterbesteigung des Nanga Parbat 2016, die sie denkbar knapp aufgeben musste: «Am Gipfeltag habe ich nur gelitten.» tionen. In Zukunft ergeben sich sicher gute Möglichkeiten, Bergsteigen und Paragliden zu kombinieren. Dieser Trip hat mir ein Stück mehr Freiheit eröffnet. Ein paar Monate zuvor warst du auf Achttausender-Expedition am Kangchenjunga, wolltest danach kürzer treten, dem Körper eine Pause gönnen. Doch es gab noch andere Gründe, die höchsten Himalaya- Gipfel hinter dir zu lassen. Wir sind in Indien über wilde Berge geflogen, über Klöster und steile Schluchten, sind mit Adlern durch die Lüfte geschwebt. Dieser Trip hat mir gezeigt, dass ich nicht nur auf 8000 Meter meine Freiheit und innere Ruhe finden kann, sondern auch in anderen Gegenden fernab der Zivilisation. Ich habe bei meinen Achttausender- Expeditionen immer wieder gespürt, «Immer öfter suche ich die Einsamkeit. Ich freue mich auf das, was mich der Berg lehrt.» dass in der Beziehung zwischen den Bergen und den Menschen, die aus aller Welt dort hin pilgern, etwas nicht stimmt. Diese Berggiganten ziehen Leute an, die zuhause vielleicht gar keine Berge besteigen und damit auch keine entsprechenden Wertvorstellungen entwickelt haben. Rücksicht ist für viele ein Fremdwort. Egal ob gegenüber der Natur oder gegenüber anderen Bergsteigern. Kameradschaft? In den Hochlagern wird gestohlen: Essen, Gas, Ausrüstung. Einige sind sogar so gewitzt, dass sie sagen: Ich bin leicht und schnell unterwegs. Ich verzichte auf ein Zelt. Dann legen sie sich einfach ins Zelt eines anderen. Mir ist das tatsächlich passiert. Dann die ganzen Reibereien, Streitereien, Eifersüchteleien, der Neid ...! Brutal! Mir nimmt das viel Energie. Energie, die ich eigentlich für den Berg bräuchte. Auch eine Form von «urban mountaineering». Da hat sich die Stadtwelt auf die höchsten Berge verlagert. All die Probleme der Gesellschaft sind mittlerweile auch an diesen heiligen Orten angekommen. Ich versuche immer, eine Verbindung mit dem Berg aufzubauen. Wenn ich mich dann in so negativen Situatio- FOTO: PRIVATARCHIV TAMARA LUNGER FOTO: ARCHIV THE NORTH FACE / MATTEO ZANGA nen wiederfinde, fühle ich mich dem Berg gegenüber schuldig für die Menschheit. Dabei wird Bergsteigen immer als Paradedisziplin des Teamgeists zitiert. Bisweilen ist da wenig dran. Höhenbergsteigen kann eine brutal egoistische Sache sein. Das Leben eines anderen zählt oft weniger als der Gipfel. Am Kangchenjunga war ein Sherpa einer anderen kommerziellen Expedition im Hochlager 4 in Not. Er konnte nicht mehr gehen. Als der Sherpa-Chef im Basislager davon hörte, spielte er auf seinem Smartphone weiter in Facebook, anstatt sich um die Rettung zu kümmern. Stress am Berg gibt es nicht nur an den Achttausendern. Im März 2018 warst du Teil eines internationalen Athletenteams bei der von Red Bull organisierten Ost-West-Alpendurchquerung «Der lange Weg» von Wien nach Nizza – 1721 Kilometer und fast 90̦000 Höhenmeter. Als ehemalige U23-Weltmeisterin im Skibergsteigen eigentlich genau dein Ding ... Für mich war diese Durchquerung das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Ich hatte Alpträume und jeden Tag 24 Stunden Stress. Zehn Tage lang habe ich mich mit einer Sehnenscheidenentzündung gequält. Nach drei Wochen bin ich ausgestiegen. Aber das war nicht das eigentliche Problem. Täglich gab es Streit, wie weit es gehen sollte. Die einen wollten 70 Kilometer machen, die anderen 45 oder 50. Von den 21 Tagen sind wir 16 oder 17 nur nach GPS gegangen, weil das Wetter so schlecht war. Nebel links, Nebel rechts, von der Bergwelt haben wir nichts gesehen. Ich habe mich oft gefragt, was tu’ ich da eigentlich? Mein Weg, die Berge zu leben und zu erleben, ist ein ganz anderer. Was suchst du am Berg? Ich suche immer mehr die Einsamkeit. Es geht mir darum, Zeit zu haben für mich. Darum, mehr über mich zu lernen, mich zu verstehen und mich besser in die Natur eingliedern zu können. Ich meditiere, versuche mich mit der Energie am Berg zu verbinden. Was soll ich tun, was kann ich tun? Ist die Situation günstig oder ungünstig? Bei aller Faszination der Einsamkeit finde ich es natürlich schön, mit einem Team unterwegs zu sein. Das muss aber ein Team sein, das ich mir ausgesucht habe, mit dem ich mich super verstehe. Eiskalt – bei ihrer jüngsten Expedition zum Goa Pobeda in Sibirien drohten Temperaturen bis minus 70 Grad. Am Ende waren es «nur» minus 50. 34 INSPIRATION 02 / 2019 35

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