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Inspiration - 02.2019

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WEGWEISER GRAT-KLETTERN

WEGWEISER GRAT-KLETTERN SCIORA DAFORA – FUORIKANTE DER JÜNGSTE GRANIT DER ALPEN Hinweis: Seit dem Bergsturz am Cengalo ist das Bondasca-Tal offiziell gesperrt! Charakter: Herrlich ausgesetzte Kletterei an einer (gefühlt) rasiermesserscharfen Kante. Schwierigkeiten: VII+ oder VI, A1; 21 Seillängen. Die unteren 12 Seillängen wurden 1998 mit Bohrhaken eingerichtet. Ausrüstung: Doppelseil, 10 Expressschlingen, Bandschlingen, Satz Keile, Satz Friends, Abseilgerät. Beste Jahreszeit: Juli bis September. Die Tour: Die Kletterei folgt im unteren Teil den Bohrhaken. Der obere Teil ist unglaublich ausgesetzt und verläuft direkt auf der Kante bzw. etwas links davon. Schlüsselstelle ist eine Bohrhakenreihe, die mithilfe von Schlingen überwunden wird. Frei ist diese Seillänge mit VII+ eingestuft. Abstieg: Der Abstieg erfolgt entweder klassisch über den Normalweg am Ostgrat und den Cacciabella-Pass (lang) oder abseilend über die Via Noemi am Torre Innominata. Auch hier muss man durch Bergsturzgelände queren. Achtung! Manchmal müssen noch Schneefelder gequert werden, die Mitnahme eines Pickels erscheint ratsam. Eine der luftigsten Kletterstellen der Alpen: Micha Stacheder an der Fuori-Kante. GROSS FURKAHORN – OSTSÜDOSTGRAT HIMMELSLEITER IM HERZ DER ALPEN Charakter: Wunderschöne Genusskletterei in bestem Furka-Granit. Aufgrund der relativ geringen Schwierigkeiten an sonnigen Wochenenden ziemlich beliebt. Der perfekte Einstieg in die Welt der alpinen Granitgrate. Schwierigkeiten: IV+, rund 750 Klettermeter. Ausrüstung: Seil (50 m), 6-8 Expressschlingen, Bandschlingen, Satz Keile, 3-4 mittlere Friends (1-3), Abseilgerät. Beste Jahreszeit: Anfang Juli – Mitte September. Die Tour: Der Einstieg zum Grat befindet sich ostseitig wenige Meter rechts der Kante. Danach folgt man durchgehend der Kante. Ausnahme ist ein roter Turm nach ca. sechs Seillängen, der im Normalfall südseitig umgangen wird. Die Gipfelnadel erreicht man von Norden. Abstieg: Von der Gipfelnadel nach Süden abseilen. Anschliessend über Geröll und Blöcke zum grossen Band in der Südwand. Nochmals 40 m bzw. 20 m abseilen und über einen steilen Graspfad zum Einstieg. Anschliessend auf bekanntem Weg zurück zum Pass. Schaut man auf eine Karte der Alpen, fällt der Blick aller Wahrscheinlichkeit nach ohne grosse Umschweife auf das Gross Furkahorn. Nicht, dass es als solches irgendwie markiert wäre und man es damit einwandfrei lokalisieren könnte, nein – dafür ist der Berg nicht bedeutend genug. Aber das Furkahorn hat einen Vorteil – es liegt nämlich mittendrin. Heisst, von seinem Gipfel kann man so ziemlich alles, was Rang und Namen hat, prima erkennen. Vom Finsteraarhorn über die Walliser Riesen bis hin zum nahe gelegenen Galenstock macht das Gipfelpanorama (besser Nadelpanorama) einiges her. Mittendrin heisst aber auch, dass sich so ziemlich jede Regenwolke, egal ob von Süden oder Norden kommend, hier entleert. Man studiere also gut den Wetterbericht, bevor man sich in die Furkaregion aufmacht. Stabiles Hochdruckwetter ist Pflicht. Scheint jedoch die Sonne, erlebt man Klettergenuss, wie man ihn angesichts des von unten etwas schrofig wirkenden Berges nicht vermuten würde. Bester Granit, wahrscheinlich vom vielen Wasser poliert, erwartet den Aspiranten. Nie wirklich schwer und voller griffiger Überraschungen. Schön auch, dass sich Berge steigern können, denn die schönsten Meter kommen zum Schluss: Die Gipfelnadel verdient ihren Namen, bietet sie doch nicht mal Platz für eine Seilschaft. Schade, denn mittendrin geniesst man die Aussicht besser zu zweit. Die Bondasca: Ein Tal von herber, nordisch anmutender Schönheit oberhalb von pittoresken Dörfern, mit wundervollen Kastanienhainen und einem Hauch mediterranen Charmes. Zentraler Blickpunkt im Kranz seiner Umrahmung ist natürlich der berühmte Piz Badile, aber die Natur hat auch einen zauberhaften Kontrapunkt gesetzt: Die Nadeln und Türme der Sciora- Gruppe. Sciora Dafora, Punta Pioda, Ago di Sciora. Und dazwischen der höchste Berg der Gegend: der Piz Cengalo. Der hat in den letzten Jahren leider mehrfach für negative Schlagzeilen gesorgt, zuletzt 2017. Am 23. August brachen über 3 Millionen Kubikmeter Gestein aus einer instabilen Zone der Nordwand, Muren verwüsteten das gesamte Bondasca-Tal. Acht Menschen gelten seitdem als vermisst. Dieses Ereignis hat das Leben im Bergell nachhaltig verändert. Der Piz Cengalo ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen, die Zufahrtsstrasse ins Tal ist zerstört und die beiden Ausgangshüt- ten für sämtliche Kletterrouten im Gebiet, die Sasc-Furäbzw. die Sciora-Hütte, sind bis auf weiteres geschlossen. Ob sich das 2019 ändern wird, ist derzeit unklar. Und somit ist auch der Zustieg zu unserer Route an der Sciora Dafora im Moment nur über das Albigna-Tal und den Cacciabella-Pass möglich. Und sie erfordert ein Biwak. Wer diese Mühen auf sich nimmt, darf sich auf die vielleicht spektakulärste Kante der Alpen freuen. Der untere Teil wurde 1998 durchgehend mit Bohrhaken eingerichtet. Man umgeht damit einen weiteren Bergsturz, der Ende der 60er-Jahre die ursprüngliche Route verwüstete. Weiter oben wird die Hakendichte deutlich geringer, dafür warten einige sehr luftige Kletterstellen auf den Vorsteiger. Nur mit Samtpfoten mag man sich dort festhalten, denn genau von hier lösten sich damals die jetzt im Tal befindlichen Felsbrocken. Ein mulmiges Gefühl, denn selten wird einem so drastisch vor Augen geführt, dass auch der jüngste Granit der Alpen (mit 30 Millionen Jahren) vergänglich ist. Freude jetzt, Pause später! An der Gipfelnadel des Gross Furkahorn. Sitzen geht erst nach der Abseilerei... 24 INSPIRATION 02 / 2019 25

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