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Inspiration - 02.2019

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WEGWEISER VALLE DI

WEGWEISER VALLE DI MUGGIO TEXT & FOTOS IRIS KÜRSCHNER Val da Mücc. Noch nie gehört? Mit Sicherheit aber schon vorbeigefahren. Beim nächsten Mal besser abbiegen und die Wanderschuhe schnüren, denn im südlichsten Tal der Schweiz warten jede Menge Überraschungen. WILDER WINKEL Einsamkeit am «Rigi des Tessins». Man muss sich dem Monte Generoso eben nur 12 von der richtigen Seite nähern. INSPIRATION 02 / 2019 Als würde ein Vorhang aufgehen. Den Betrachter um Jahrzehnte zurückversetzen, als noch kaum Autos auf den Strassen fuhren, die Dörfer noch ohne Neubausiedlungen auskamen und vor jedem Haus ein üppiger Bauerngarten gedieh. So wirkt es, wenn man es durch das Strassengewirr und die Einkaufszentren zwischen Mendrisio und Chiasso im südlichsten Zipfel des Tessins geschafft hat. Hinein ins Valle di Muggio. Weil jeder möglichst schnell die hässlichen Verbauungen passieren mag gen Süden oder Norden, biegt kaum jemand ab in das 37 Kilometer lange Seitental, das die Einheimischen Val da Mücc nennen. Dort, hinter dem Chaos und der Hektik, versteckt sich eine andere Welt – eine stille, archaische. Es ist vielleicht der wildeste, mit Sicherheit aber der unschweizerischste Winkel. Wo man es mit der Pünktlichkeit der Postautolinien, der Ausschilderung der Wege, den Öffnungszeiten von Restaurants nicht ganz so genau nimmt. DER KÄSE, DEN KEINER KENNEN KANN Das verschwiegene Tal gipfelt im Monte Generoso, den jeder Tessin-Fan kennt. Schliesslich klettert eine Zahnradbahn von Mendrisio auf den fulminanten Aussichtsberg, seit 2017 gekrönt mit der «Steinblume» vom Tessiner Stararchitekten Mario Botta. Über seinen Sonnenhang vom Valle di Muggio erobert man sich den Generoso indes in völliger Einsamkeit. Schon der Ausgangspunkt Scudellate wirkt, als würde man am Ende der Welt stehen: Ein paar Steinhäuser klemmen am Steilhang, windschiefe Fensterläden, Rosenranken klettern über abblätternden Putz. Moos krallt sich in das Kopfsteinpflaster der engen Gassen, in die kaum ein Sonnenstrahl einzudringen vermag. An vorderster Front steht die Osteria Manciana – das Herz des 20-Seelen-Dorfes. Auch, wenn es nicht so wirkt: Auf der Alpe Nadigh am Monte Generoso wird noch gewirtschaftet. Piera Piffaretti, die Wirtin, hat ein offenes Ohr für alle Sorgen und Freuden, und in ihre Kochtöpfe kommt nur, was Garten und Tal hergeben. La cucina povera: einfach und währschaft. Legendär sind ihre Ossobuchi. Keine Kalbshaxen, wie in Italien beim Ossobuco üblich, sondern vom Schwein. «Kühe waren, aufgrund der Milch, viel zu wichtig, um geschlachtet zu werden», sagt die resolute 70-Jährige. Über vier Stunden lässt sie das Fleisch in seinem Saft schmoren, es fällt förmlich vom Knochen. Dazu wird Polenta aus der Mühle von Bruzella gereicht. Um den Magen zu schliessen, folgt Käse, wie man ihn sonst nirgends kennt: Zu gering ist die Ausbeute, um ihn zu vermarkten. Zwischen den formaggini alti – kleinen, säuerlich schmeckenden Frischkäseleibchen von den Alpen des Monte Generoso – fällt der Zincarlin ins Auge. Der kegel förmige, gepfefferte Rohmilchkäse wird während seiner Reife zwei Monate täglich mit Weisswein eingerieben. In Kom bination mit Honig mildert sich seine Schärfe und sorgt für eine Geschmacksexplosion. 2004 wurde er als erstes Slow-Food-Produkt der Schweiz ausgezeichnet. Wenn sich Piera und ihr Mann Guerino an alte Zeiten erinnern, kommen sie um Schmugglergeschichten nicht herum. In den 1930er-Jahren zählte Scudellate noch um die 150 Einwohner. «So gut wie jeder im Dorf war 13

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