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Inspiration 01-2019 deutsch

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HOCHGENUSS ABGELEGENE

HOCHGENUSS ABGELEGENE KLEINODE KEIN GETRAMPEL UND GEDUDEL TEXT PETER HUMMEL Rummelige Schneesportdestinationen gibt es genügend. Abgelegene Unterkünfte, die zudem einen gewissen Komfort bieten, sind schon rarer. Quer durch die Schweiz haben wir vier Kleinode ausgewählt, die auch im Winter Erholung und Genuss versprechen. FOTOS: ZVG HOF ZUORT MEHR ALS «NICHTS»: VIEL ZEIT UND GESCHICHTE zuort.ch Zuhinterst im Unterengadin, auf 1714 Metern ü. M. gelegen, ist dieses Refugium so abgeschieden wie kaum ein zweites in Graubünden. Gäste reisen mit dem Zug nach Scuol und mit dem Bus weiter über Ramosch nach Vnà, wo sie sich mit dem Geländewagen abholen lassen können. Eindrücklicher legt man das letzte Stück per pedes zurück. Wenn sich nach einer guten Stunde unvermittelt eine Waldlichtung öffnet, ist man wirklich angekommen in dieser Oase der Ruhe. «Ruhe, Stille» wird hier sogar anbefohlen. «Beim Eintritt bitte sofort Bergschuhe ausziehen, Pantoffeln anziehen», heisst es weiter in alter Frakturschrift in der überlieferten Hausordnung, die auch eine gewisse Berechtigung hat: «Kein Getrampel!» ist angesichts der knarrenden Holzböden ein kluges Gebot … Das jetzige Gasthaus wurde zwar nach einem Brand erst Ende des vorletzten Jahrhunderts errichtet, doch Zuort ist seit 1482 als Lehenhof im Eigentum der Gemeinde Sent dokumentiert. Jahrhundertelang diente er als Landwirtschaftsbetrieb, Hospiz und Zollstation, denn er lag am alten Handelsweg vom Engadin über den Fimberpass ins Paznaun – eine Route, die heute bei Transalp-Bikern wieder beliebt ist. Seine jüngere Geschichte wurde massgeblich vom niederländischen Dirigenten und Komponisten Willem Mengelberg (1871 – 1951) geprägt. Dieser liess 1911 oberhalb des Gasthauses ein Chalet erbauen, wo er und ein grosser Freundeskreis, darunter Richard Strauss und Hendrik, Prinz der Niederlande, ihre Sommerferien verbrachten. 1920 erwarb er den Hof mit 13 Hektar Land. Aus Dankbarkeit, dass Holland und die Schweiz im Ersten Weltkrieg verschont geblieben waren, liess er darauf eine einzigartige hölzerne Votivkapelle errichten: aussen im Stil einer norwegischen Stabkirche, innen voller alpiner Schnitzereien. Wegen seiner Konzerttätigkeit fürs Naziregime fiel Mengelberg in seiner Heimat zwar in Ungnade; eine Stiftung sorgte nach seinem Tod aber dafür, dass der musikalische Geist im Val Sinestra über ein halbes Jahrhundert weiterleben konnte: mit Ferienaufenthalten und Konzerten von holländischen Musikern. 2010 erwarb Peter R. Berry IV., der jüngste Spross einer St. Moritzer Ärzte-Dynastie, das Anwesen und sorgte für die nötigen Renovationen. Sein Ziel ist es, Zuort in ein sinnvoll verwaltetes, kollektives Eigentum übergehen zu lassen. Der einmalige Charme von Almhütte, Residenz und Zoll ­ haus in einem ist auch den Swiss Historic Hotels nicht entgangen, welche Hof Zuort 2012 als eines der kleinsten Mitglieder aufnahmen: Das Haupthaus hat vier historische Doppelzimmer und zwei rustikale Vierbettzimmer, die Chasa Mengelberg bietet neben der prächtigen Bibliothek sechs Doppelzimmer mit original Belle-Epoque­ Möblierung samt Waschschüsseln, teilweise aber auch eigenem Bad. In der Waschküche des ehemaligen Gesindehauses wurde eine urige Sauna eingebaut, mit Heubetten anstelle von Saunaliegen. Gastgeber sind seit 2016 Doreen Carpanetti und Meinrad Zwerger, dessen Wirken schon aus früheren Jahren in bester Erinnerung ist: Seine leckere Südtiroler und Engadiner «Fusionsküche» ist weit bekannt. Jedenfalls wunderbar, dass uns das Hausmotto nicht abgehalten hat: «Besuchen Sie uns. Wir haben nichts.» Es müsste nur ergänzt werden «nichts als Zeit». Und die hält in Zuort sogar inne: Gleich drei Uhren im Haus stehen still. Damit der Gast sich auch nicht von digitalen Gadgets hetzen lassen kann, bietet Hof Zuort neuerdings auch eine Auszeit von der digitalen Welt. Der Gast kann – freiwillig – Smartphone & Co abgeben. Die Hausregeln «Ruhe, Stille» erhalten dadurch wieder umso grössere Bedeutung. Die Gäste werden dazu angehalten, nichts zu tun, ruhig zu atmen, zu lauschen und zu schweigen sowie ihre Gedanken aufzuschreiben. Ganz wie einst … Belle Époque und Digital Detox: Der historische Hof Zuort im Unterengadin ist ein Ort, um innezuhalten. 52 INSPIRATION 01 / 2019 53

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