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Inspiration 01-2019 deutsch

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WEGWEISER JURA JURA IN

WEGWEISER JURA JURA IN ZAHLEN 95 METER HOCH RAGEN DIE WIND­ TURBINEN VON MONT SOLEIL UND MONT CROSIN IN DEN HIMMEL. 45 METER LANGE ROTORBLÄTTER SCHWINGEN DURCH DIE LUFT. 21′000 HAUSHALTE WERDEN MIT DER WINDENERGIE VOM SONNEN­ BERG VERSORGT. Die quirlige Baslerin entschuldigt sich. Der Schnee liegt etwas mager. Normalerweise türmen sich im Februar wahre Schneemassen. Doch der Klimawandel schlage auch hier zu. Die Loipe, auf der sie täglich ihre Runde drehe, sei schon gesperrt. Mit Schneeschuhen geht es auch auf dünner Schicht, wir haben es gerade getestet. Auf dem Mont Soleil sei die Lage noch bestens, sagt sie. Das gibt Hoffnung. Sie quartiert uns in einem Zimmer mit verglaster Veranda ein. Weit kann der Blick über die stille Juralandschaft schweifen. Beim Frühstücksbuffet schmeckt uns der Käse so gut, das wir nachfragen. Die Käserei von Kurt Zimmermann liege nur einen Katzensprung entfernt, sagt Gabriela Haas und erklärt uns den Weg. So machen wir einen kleinen Schwenk, bevor wir den Mont Soleil besteigen. Guter Käse lockt uns immer und ist kraftspendende Wegzehrung für eine Tour. Eine Häuserreihe an verlassener Strasse taucht auf. Milchkannen verraten das richtige Haus. Rezenter Duft schlägt uns schon im Entrée entgegen. Im Keller die Schatzkammer, wo radgrosse Laibe reifen, Gruyère und Chaux d’Abel. Die kleineren heissen Tête de Moine, Mönchskopf, oder Tatouillard, Schneeflocke – jurassische Käsespezialitäten. «Die wilden Käser haben sie uns genannt», lacht Pascal, der Juniorchef, «weil wir nicht bei der Schweizerischen Käseunion mitmachten. Ein Kuhhandel. Nur zwei, drei Käse zum Eigenbedarf durften behalten werden. «Bei Mehrbedarf hätten wir unseren eigenen Käse teuer zurückkaufen müssen.» Wie häufig im Jura gehört auch Pascals Familie zu den Mennoniten, den Wiedertäufern oder Anabaptisten. Eine Gruppe, die sich im 16. Jahrhundert von den Reformisten separierte. Unter anderem, weil man die Kindertaufe und jegliche Gewalt, also den Militärdienst ablehnte. Über Jahrhunderte gejagt, gefoltert oder gehängt, musste die Religionsausübung im Untergrund stattfinden, Gottesdienste heimlich im Wald oder in Privathäusern abgehalten werden. Viele fanden Zuflucht in abgelegenen, einsamen Gebieten. Auf den Jurahöhen, versprach dazumal der Bischof von Basel, könne er den Mennoniten Sicherheit garantieren. Über 30 Jahre wurde auch das Hôtel de la Chaux d’Abel von Mennoniten geführt. Den Rucksack um ein Kilo schwerer stapfen wir in die Höhe. TURBULENT UND TIEFGEFROREN Am Mont Soleil erleben wir Winterzauber, auch wenn wenig Schnee liegt. Zur klirrenden Kälte gesellt sich der Windchill hinzu. Mächtige Nadelbäume, die wie Kathedralen in den Himmel ragen, zeigen sich eisverkrustet. Ein Märchenwald in Puderzucker. Man kann sich nicht sattsehen. Aber die Kälte zehrt, dringt in jede Ritze. Die Klamotten am Körper knarren und knirschen bei jeder Bewegung, wie ein Zombie. Und so klingen auch die Windräder, die sich auf dem Höhenzug der Montagne du Droit verteilen. Furchteinflössend. Wenn uns bloss kein Eisfall von den mächtigen Rotorrädern trifft! Wir halten gebührenden Abstand. «Jene Landesherren, die im 14. Jahrhundert die Einwanderung gefördert hatten, mussten im 17. Jahr- Belle-Époque-Atmosphäre im Hôtel de la Chaux d’Abel hundert Befehl zur Einstellung der Rodungen erteilen, hatten sich doch bereits die Nachteile übertriebener Entwaldung gezeigt», schreibt Heinrich Gutersohn 1950 in der Geographica Helvetica. «Eine unerwünschte Folge besteht darin, dass die rauhen Höhenwinde durch die offeneren Gelände streichen können», stellte der Geograph und Professor an der ETH Zürich fest. Noch war die Zeit nicht reif, das Potenzial des Windes zu erkennen und zur Energiegewinnung zu nutzen. Eine Vorreiterrolle nimmt die 1996 gegründete Firma Juvent SA ein, die mit drei Windrädern am Mont Crosin startete. Heute bildet der Windpark mit 16 Anlagen den grössten der Schweiz. Der Strom von jährlich rund 70 Millionen Kilowattstunden versorgt an die 21’000 Haushalte. Aber auch der Sonne nahm man sich hier an: So sammelt die Photovoltaikanlage am Sonnenberg – nomen est omen – Energie für 120 Haushalte. Ein Energielehrpfad der Krete entlang verbindet beide Berge. Wir schwenken immer wieder weit ins Gelände aus, das wie eine Parklandschaft wirkt: Die pâturages boisés, die sogenannten Wytweiden mit ihren Solitärtannen, sind einmalig und nur im Jura zu finden. Endlose Trockensteinmauern fädeln sich zwischen ihnen hindurch. Klirrende Kälte verzaubert die Landschaft am Mont Soleil. Eisverkrustete Nadelbäume ragen wie Kathedralen in den Himmel. Ein Märchenwald in Puderzucker. Auf einsamer Flur südwestlich des Mont Soleil liegt die Auberge Chez L’Assesseur. Als wir eintreten, sieht man uns die Kälte wohl sofort an. «Ein bière chaude wäre jetzt genau das Richtige für euch», schmunzelt die Bedienung. Glühwein war uns ein Begriff, doch heisses Bier? Wir lassen uns gerne überraschen. Apfelstücke schwimmen in dem Heissgetränk, das nach Zimt duftet und einfach göttlich schmeckt. Adrian von Weissenfluh adaptierte die Erfindung von einer Appenzeller Brauerei, auf deren Bier er schwört. Auch sonst scheint der sympathische Wirt ein Händchen für das Besondere zu haben. 32 INSPIRATION 01 / 2019 33

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