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Inspiration 01-2019 deutsch

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KONTROVERS

KONTROVERS LAWINEN-AIRBAGS K O N T R O V E R S «AUSRÜSTUNG VERÄNDERT DAS VERHALTEN» «DER AIRBAG IST WIE EIN NOTFALLSCHIRM» «RISIKOKLASSE MENSCH» FREIFAHRT SCHEIN? PROTOKOLL THOMAS WERZ Er erhöht die Sicherheit. Aber fördert er im gleichen Zuge auch das Risikoverhalten beim Freeriden und auf Skitour? Am Lawinen-Airbag scheiden sich die Geister. Wir diskutieren das Thema mit drei Experten in der neuen Serie «Kontrovers». L A W I N E N A I R B A G S «Ich hatte bis vor fünf Jahren bewusst keinen Lawinen- Airbag. Als ich mir dann doch einen zulegte, habe ich zu Beginn den Unterschied deutlich gespürt: Wetter gut, Schnee gut – da geht noch ein bisschen mehr. Heute habe ich den Airbag-Rucksack immer dabei und spüre das nicht mehr so stark. Vermutlich haben sich mein Sicherheitsbewusstsein und die Risikobereitschaft irgendwo in der Mitte eingependelt. Generell bin ich überzeugt, dass die Lawinen-Notfall-Ausrüstung und allem voran der Lawinen-Airbag das eigene Risikoverhalten ändern. Ein gutes Experiment ist, oben am Hang einfach einmal die ganze Ausrüstung in die Ecke zu stellen und sich zu fragen, ob man jetzt immer noch in den Hang reinfahren würde. Aus der Wissenschaft weiss man zudem, dass der Effekt der Risikokompensation vor allem bei Geräten ausgeprägt ist, die sehr ‹präsent› sind. Und das ist beim Airbag der Fall: Er ist schwer, den Griff sieht man permanent und man verspricht sich durch die Lasten (Gewicht, evtl. unbequemerer Rucksack) einen Nutzen. Studien dazu gibt es wenige. In einer von mir und Nicolas Wolken aus dem Jahr 2014 konnten wir den Effekt nicht nachweisen. In einer aktuellen Studie von Pascal Haegeli ist dies etwas besser gelungen. Allerdings muss man dazu die Leute direkt im Feld befragen, was methodisch schwierig ist. Aber: Der Sicherheitsgewinn durch den Airbag ist gross, das konnte in Studien ebenfalls nachgewiesen werden. Die Frage bleibt schlussendlich, um wie viel der Effekt der Risikokompensation den Sicherheitsgewinn wieder reduziert oder gar zunichte macht? Ich bin überzeugt, dass wir nicht voll rational entscheiden können und mit einem Airbag ein höheres Risiko eingehen. Schlussendlich wägt jeder Spass gegen Sicherheit ab, und wenn ein schöner Hang lockt, riskiert man mehr. Allerdings lässt sich das kaum quantifizieren und ist sicherlich sehr individuell.» DR. BENJAMIN ZWEIFEL LAWINENPROGNOSTIKER AM WSL-INSTITUT FÜR SCHNEE- UND LAWINEN- FORSCHUNG SLF «Grundsätzlich habe ich mich noch nie dabei ertappt, dass meine Entscheidung mit Lawinen-Airbag anders ausgefallen ist als ohne. An der Freeride World Tour bin ich mehr mit Airbag-Rucksack gefahren, aber auch, weil er dort Pflicht ist. Aber zum Ende der Saison, für die grösseren Wände mit 1800 oder 2000 Höhenmeter Zustieg, nehme ich lieber einen schweren Ski und einen leichten Rucksack und verzichte auf das Zusatzgewicht eines Airbag-Rucksacks. Da muss vorher das Risikomanagement stimmen, sonst hast du einen gewaltigen Fehler gemacht. Der Lawinen-Airbag ist für mich wie der Notschirm am Gleitschirm: Er ist immer dabei, aber du brauchst ihn nie. Denn wenn du ziehst, bist du zu weit gegangen, dann ist dir vorher ein Fehler in der Beurteilung der Situation passiert. Diese zusätzliche Sicherheitsmarge sollte aber nicht die Entscheidung beeinflussen, da muss es egal sein, ob du einen Airbag dabei hast oder einen normalen Rucksack. Wenn ich im Skigebiet beim Freeriden bin, habe ich den Airbag immer auf, da stört er nicht. Wenn ich als Bergführer führe, wäge ich ab. Ich habe einen Airbag als gutes Beispiel dabei, wenn er zu der Tour passt, das heisst, wenn sie eher abfahrtsorientiert ist. Ich hatte einen Lawinenabgang, da hatte ich keinen Airbag an, da wäre er sicher hilfreich gewesen. Aber das Entscheidende ist: Nicht der fehlende Rucksack war schuld, sondern die Entscheidungen vorher waren falsch. Ich versuche die Lage zu beurteilen, als hätte ich weder ein LVS noch einen Airbag-Rucksack dabei. Das sind alles Tools für ein ‹Worst-Case-Szenario›. Wenn ich diese Sicherheit schon vorher oben draufschlage, wäre es ja Selbstmord.» SAMUEL ANTHAMATTEN FREERIDE-PRO UND BERGFÜHRER «Verhalten hängt immer mit Haltung zusammen. Wenn ich als erfahrener Bergführer schon 20 Mal die Haute Route geführt habe oder ich ein erfahrener Wintersportler bin, dann ist ein Lawinen-Airbag, wie jedes zusätzliche Sicherheits-Feature, ein Gewinn. Denn ich mache daran nicht meine Entscheidungen fest. Wenn ich aber mit der Haltung zum Freeriden gehe, mit einem Lawinen- Airbag meine Grenzen auszuloten und zu verschieben, dann ist mein Verhalten zumindest scheinheilig. Wichtig ist, dass man sich die Frage stellt: Warum fahre ich in diesen Hang? Ich möchte Powder fahren – und dann gehe ich für dieses Erlebnis ein bestimmtes Risiko ein. Risiko ist ein Budget. Wenn man beispielsweise eine Woche Klettern geht, wird man feststellen, dass über diese Woche verteilt sicher zwei, drei heikle Momente dabei waren. Die machen schlussendlich aber auch das Erlebnis aus. Wir reden in der Lawinenkunde immer über den Schnee oder über Gefahrenmuster, aber nie über den Menschen. Viel wichtiger wäre es, die Skifahrer in solche Muster einzuteilen: Was für ein Typ bin ich, was ist mir wichtig und warum bin ich am Berg unterwegs? Ist mir Sicherheit wichtig oder die Sensation, oder hat es einen beruflichen Aspekt? Es ist auch geil, seine Grenzen auszutesten, das darf man ja machen. Unvernünftig leben ist in der Schweiz zum Glück nicht verboten. Wichtig ist, dass man dieses Risiko für sich bewusst eingeht. Und deshalb hängt dieses Risiko nicht am Berg, sondern am Menschen. Deshalb führe ich als Bergführer meine Gäste nicht beim Freeriden. Denn da bin ich, wenn ich es seriös machen will, immer die Spassbremse. Es gibt die Theorie des optimalen Risikos. Dort ist die Frage: Was habe ich davon, dieses Risiko einzugehen, und was gewinne ich, wenn ich auch mal verzichte?» THOMAS THEURILLAT PSYCHOLOGE UND BERGFÜHRER INSPIRATION 01 / 2019 29

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