Aufrufe
vor 2 Monaten

Inspiration 03-2019

WEGWEISER WEGWEISER

WEGWEISER WEGWEISER TOGGENBURG BLAUE STUNDEN, KLAMME FINGER Was steckt hinter den grossformatigen Bergfotos, die in allen Filialen von Bächli Bergsport an den Wänden prangen? Und was hat es in der Fotografie mit der «blauen Stunde» auf sich? Ein Treffen mit Simon Walther gibt Aufschluss. TEXT THORSTEN KALETSCH FOTOS SIMON WALTHER 20:30 Uhr: Der Wildhauser Schafberg im letzten Abendlicht. Simon Walther hat die Tour am Tag nach der Reportage ein zweites Mal gemacht, 20 mit besserer Ausbeute. INSPIRATION 03 / 2019 Simon Walther kennt den Alpstein und die Churfirsten wie seine Hosentasche. Unzählige Stunden hat der 53-jährige Fotograf mit Wohnsitzen in Wattwil und Maloja in den Appenzeller Alpen verbracht und geduldig auf besondere Lichtstimmungen und spektakuläre Wolken gewartet, um den perfekten Moment einzufangen. Dass sich die «blaue Stunde» vor und nach dem Sonnenuntergang besonders eignet, versteht sich von selbst. Am Wochenende plant Simon Walther eine Wanderung in die Säntisregion mit «Foto-Ansitz», wie er selbst sagt. Die Route ist schnell festgelegt: Wir wählen bewusst Wege, die nicht von vielen Wanderern begangen werden. Vom Grillplatz Laui an der Säntisthur wollen wir früh Richtung Chalbersäntis aufbrechen und unter dem Hundstei und Spitzbergli einen schönen Blick auf das Fotosujet haben: die Churfirsten. Via Grenzchopf, Silberplatten und Gamschopf soll die Route dann bei Türlisboden an den Gräppelensee führen. FRÜHER AUFBRUCH RICHTUNG SÄNTIS Mit Simon Walthers Bus treffen wir am Freitag spätabends am Grillplatz Laui ein und richten unseren Schlafplatz für die Nacht her. Die geübten Handgriffe des Fotografen lassen keinen Zweifel über seine Routine aufkommen: Der Leiter einer Werbeagentur fährt durchschnittlich alle zwei Wochen mit seinem Bus in die Berge, mal alleine und mal mit seiner Frau. Um kurz vor Mitternacht liegt er im oberen Bett und löscht das Licht. Frühstart: Knapp fünf Stunden später schalten wir die Stirnlampen ein und marschieren los. Nach einer guten Stunde erreichen wir den Standort, den Simon Walther am Vortag mit Karten und spezieller Software für den ersten «Ansitz» auserkoren hat. Walther installiert das Stativ und richtet seine Hasselblad H6D ein. Die Mittelformatkamera, die mit den Objektiven den Gegenwert eines Mittelklassewagens deutlich übersteigt, ist nicht speziell für Fotos in der Dämmerung oder Dunkelheit ausgelegt. Doch genau hier liegt Walthers Spezialgebiet. Seine Bilder belichtet er teils zehn und mehr Minuten lang. Nach dem Einrichten warten wir. Und warten. Trotz guter Ausrüstung bekommen wir vom Herumstehen allmählich kalt. Simon Walthers Hände zittern, während er die Kamerafunktionen einstellt. Aber abbrechen ist keine Option. Endlich dämmert es, und Walther macht die ersten Aufnahmen. Bei der Bildkontrolle auf dem Display sagt er: «Hey, da hat es Menschen auf dem Gipfel des Selun!» Und tatsächlich: Obwohl die Luftlinie zum Fotoziel fast acht Kilometer beträgt und die Lichtverhältnisse noch diffus sind, sind Bergwanderer erkennbar. Eine richtig tiefblaue Farbstimmung, wie sie sich Fotografen in der goldenen oder blauen Stunde der Dämmerung wünschen, will sich aber nicht einstellen. Simon Walther grummelt. Schon am Vorabend hat er sich Wolken gewünscht. «Ohne Wolken auf den Bildern werde ich depressiv», grinst er. Doch wenige Minuten später, als sich die Bergwelt rosa-orange färbt, ziehen einige Wolken auf und umrahmen die Gipfel. «Nun beginnt es doch noch, mir zu gefallen», lächelt er. Immer wieder wechselt er die Objektive. Diesmal kommen das 35–90mm-Zoom und das 120mm-Makro zum Einsatz. «Meistens verwende ich Festbrennweiten.» 21

Deutsch

NEWSLETTER