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Inspiration 02/2017 dt

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WEGWEISER MONT BLANC

WEGWEISER MONT BLANC GROSSE TEXT & FOTOS RALF GANTZHORN GRATE E inen noch idiotischeren Platz hätten wir uns kaum aussuchen können: Über uns ein haushoher Serac, neben mir eine Spalte, so tief, dass man darin ein Hochhaus versenken könnte. Es ist mitten in der Nacht und wir stehen auf dem Charpoua-Gletscher. Und wir diskutieren. Über den Sinn und Unsinn, bei nächtlichen Temperaturen von über null Grad über den Sans-Nom-Grat auf die Aiguille Verte zu steigen. Nach einer «gefühlten» Stunde (in Tat und Wahrheit waren es kaum zehn Minuten) gehen wir weiter, um keine 30 Minuten später doch umzudrehen. Ein faustgrosser Stein auf meinem Helm gibt den letzten Anstoss, unser Unternehmen abzublasen und auf bessere Bedingungen zu warten. Stillschweigend marschieren wir im Gänsemarsch zurück. Das Mont-Blanc-Massiv – für Alpinisten ist es nicht nur der höchste Spielplatz Europas, sondern auch der vielfältigste. Keine Spielart des Bergsteigens, die hier zu betreiben unmöglich ist, kaum eine touristische Sünde, die hier nicht schon begangen wurde. Und trotzdem bleibt noch genügend Platz für das Wesentliche: Erlebnisse in einer einzigartigen Bergwelt. Moderat in den Schwierigkeiten und landschaftlich ein Traum: der Forbes-Grat auf die Aiguille du Chardonnet. Im Hintergrund die Nordabstürze von Courtes, Droites und Aiguille Verte. Wenn das nicht Lust auf mehr macht? In die Charpoua-Hütte reingehen wollen wir noch nicht, schliesslich schlafen der Hüttenwirt und die wenigen Gäste noch. Kitschig rot geht nun am gegenüberliegenden Mont Blanc die Sonne auf. Ein grandioser Tag beginnt und wir sind wieder unten statt am Berg. War es wirklich die richtige Entscheidung, umzudrehen? Angewärmt durch die ersten Sonnenstrahlen mag man kaum glauben, dass wir noch vor wenigen Stunden mit weichen Knie am Berg standen. Aber die Delle auf dem Helm sowie der blutige Kratzer an meiner Augenbraue sprechen eine deutliche Sprache: Es war die richtige Entscheidung, auch wenn sie für mich besonders bitter ist, da ich jetzt schon zum dritten Mal an der Aiguille Verte umdrehen musste. Bergsteigen in der Mont- Blanc-Gruppe hängt eben schon lange nicht mehr nur vom Wetter ab, sondern vor allen Dingen von den Verhältnissen. Zwei Monate später treffen wir uns wieder in Chamonix. Um nicht nochmal ein ähnliches Desaster wie an der Aiguille Verte zu erleben, gilt unser erster Gang dem Office de Haute Montagne, dem lokalen Bergführerbüro. Zusammen mit Dutzenden von muskulösen, gut trainierten Männern und Frauen schauen wir uns das riesige Plastikmodell der Mont-Blanc-Gruppe an und werfen anschliessend einen Blick in die ausliegenden Tourenbücher. 14 INSPIRATION 02 / 2017 15

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