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Inspiration 01/2016 dt

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Hindu-Sippen ziehen mit

Hindu-Sippen ziehen mit ihren Maultieren und dem gesamten Hab und Gut zu einem neuen Lagerplatz für die nächsten Monate. Wegweiser 8 herumtrieb, war ein potenzieller Terrorist. Das Misstrauen ist noch heute spürbar, die Kontrollen in der Region Jammu und Kashmir sind allgegenwärtig. «Für mich macht aber genau das den Reiz aus. Mir gefällt das ganze Drumherum in Kashmir, es ist eine wirkliche Expedition, ein Aufbruch ins Unbekannte», erklärt Stephan Siegrist den Reiz des Projekts. Siegrist hat Hunderte Gipfel in den Alpen, in Patagonien, in der Antarktis oder im Himalaja bestiegen – allein den heimischen Eiger hat er bereits 33 Mal über seine magische Nordwand erklettert. Die Berge von Kashmir begeistern ihn jedoch ganz besonders. Dabei erweisen sich die Bedingungen am Bhala als längst nicht so ideal, wie es der Anblick aus der Ferne vermuten liess. Der Fels ist brüchig, die Gefahr von Stein- und Eisschlag enorm gross. Jeder Griff und jeder Tritt wird zur Zitterpartie. Über eine Route, die vom verschneiten Sattel auf knapp 5’000 Meter über eine Rampe in die Nordostwand führt, schaffen sie es schliesslich auf den Gipfel. Schon am nächsten Tag sind die drei zurück im Basecamp, das sie auf 3’900 Metern errichtet haben. Es ist keine sieben Tage her, dass sie sich von Gulabgarh aufgemacht haben, um einen geeigneten Platz für ihr Basislager zu finden. Der Startpunkt gehört nicht wirklich zu den Plätzen auf der Erde, an denen man unbedingt länger als notwendig verweilen möchte. Der Ort ist ein kleines, schmutziges Nest. Durch die Hauptstrasse ziehen ein paar Hindu-Sippen mit ihren Pferden, auf denen ihr gesamtes Hab und Gut verzurrt ist. Andere treiben ihre Ziegenherden durch den Ort. Dazwischen stehen und liegen ein paar heilige Kühe, Busse hupen sich den Weg frei, Männer sitzen am Strassenrand und beobachten das Treiben. Kein Haus ist zu Ende gebaut, überall vermischen sich Bauschutt, Fäkalien und Plastikabfälle, dreckiger Staub wirbelt durch die Luft und begräbt alles unter einer graubraunen Schmutzschicht. Der Gestank von toten Ratten, vergammelten Abfällen, Kuhoder Ziegendreck und russigen Dieselabgasen wabert durch die Luft. Doch die drei müssen sich bei der Polizeiwache von Gulabgarh anmelden, damit sie weiterziehen können ins Kaban-Tal. Perfekter Kletterfels Etwas abgekämpft, aber zufrieden, sitzen die drei nach der Rückkehr vom Bhala im Basecamp. Den ersten Gipfelerfolg in der Tasche, noch mehr Tatendrang im Blut und ein weiteres Ziel vor Augen: «Direkt von unseren Zelten aus schauen wir auf einen perfekten, wie von Kinderhand gezeichneten Gipfel, den die Einheimischen den göttlichen Berg Tupendeo nennen», notiert Stephan in seinen Aufzeichnungen. Nach nur drei Tagen Pause nutzen sie ein Schönwetterfenster und machen sich zum göttlichen Gipfel auf. Über 21 Seillängen führt die Route durch den steilsten Teil der rund 800 Meter hohen, fast senkrechten Wand. «Und

Stephan beim Vorstieg am Tupendeo (6a/b), der mit seinem griffigen Fels in knapp 6’000 Metern selbst die Profi-Alpinisten begeistert. EXPEDITIONSDATEN 1.Gipfel: Bhala (Spear) 5’900 m, NE Face, Route Copa-Kaban Summit: 13. September 2015 Schwierigkeitsgrad: mittlerer Grad alpines Klettern, lockerer, brüchiger Fels 2. Gipfel: Tupendeo 5’700 m, SE Pfeiler, Route Deokhal Summit: 19. September 2015 Schwierigkeitsgrad: 6a/6b, 21 Seillängen, 800 m 3. Gipfel: Te (Kristall) 5’900 m, Route Chaprasi Summit: 2. Oktober 2015 Schwierigkeitsgrad: 5c/6a, 4 Seillängen, 200 m, perfekte Felsqualität das bei dem besten und griffigsten Kletterfels, den ich in solchen Höhen je erlebt habe», begeistert sich Thomas Senf, der neben seiner Arbeit als Bergsport-Fotograf auch als Bergführer seinen Lebensunterhalt verdient. Im Gegensatz zum brüchigen Granit des Spear ist es purer Klettergenuss im Schwierigkeitsgrad 6a/6b, den die drei bei strahlender Sonne geniessen. Die massive Granitwand des Tupendeo thront über dem weitläufigen Kaban-Tal wie die Eigernordwand über Grindelwald. «Das ist ein geiler Ausblick, den uns der göttliche Gipfel schenkt», freut sich Stephan, als sie auf dem Peak stehen. Von ganz oben können die drei fast hinabschauen bis zum letzten Ort im Tal, nach Kaban. Ein paar Yakherden grasen auf dem Weg, der Gebirgsfluss mäandriert durch die Landschaft. 1993 hatte zum bisher ersten und letzten Mal eine Expedition versucht, den Tupendeo zu besteigen. Vergeblich: Einer der Bergsteiger brach sich ein Bein und musste von den Einheimischen aus Kaban gerettet werden. Noch am Abend des Gipfelerfolgs sind die drei wieder zurück im Basecamp. Sie werden empfangen vom Koch Suraz Rai (43) und seinem Helfer Tempa Sherpa (40). Und natürlich von dem Liaison Officer (LNO) Surendra Singh (45). Wer in Indien eine offizielle Expedition antritt und dazu noch Erstbesteigungen plant, dem wird von der Indian Mountaineering Foundation ein solcher LNO zugeteilt. Surendra war fünfzehn Jahre lang bei der Indian Airforce tätig und macht den Job als LNO zum ersten Mal. INFO KASHMIR-REGION Die Gesamtfläche des Kashmir-Gebiets beträgt rund 222’000 Quadratkilometer. Der Norden Kashmirs ist muslimisch geprägt, der Süden hinduistisch und der Osten buddhistisch. Nach der Entlassung von Britisch-Indien in die Unabhängigkeit im Jahr 1947 blieb Kashmir zunächst eigenständig. Doch sowohl Indien als auch Pakistan stellten Gebietsansprüche. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zum ersten pakistanisch-indischen Krieg. Jammu und Kashmir werden in der Folge indische Provinzen. 1965 folgt der zweite indisch-pakistanische Krieg, noch im selben Jahr gibt es einen Waffenstillstand. In den Jahren 1971 und 1999 kommt es wieder verstärkt zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nationen. Seit 2003 entspannt sich die Lage etwas, trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen und Scharmützeln in der Region Kashmir. Erst seit 2009 wird Kashmir wieder vermehrt von Touristen bereist. BESTE JAHRESZEIT Juni bis September ANREISE Die Stadt Jammu (500’000 Einwohner) liegt ca. eineinhalb Flugstunden von Neu-Delhi entfernt, die Flugtickets kosten rund 80 Franken pro Strecke. Ausgangspunkt für Reisen ins Kaban-Tal, oder um nach Kishtwar zu gelangen, ist Gulabgarh. Die Busfahrt von Jammu dauert rund 13 Stunden, mit dem Auto circa 10 Stunden. KONTAKT VOR ORT In der Region Kashmir gibt es noch keine Expeditionsinfrastruktur wie in Nepal oder anderen bekannten Gebirgsregionen. Informationen und Genehmigungen für Expeditionen erhält man über die Indian Mountaineering Foundation (IMF,) www.indmount.org. Ansprechpartner und Agent für die Siegrist-Expedition war Ranjan Sharma, der dabei ist, eine Expeditionsagentur aufzubauen. ranjanmanesar@gmail.com REISEANBIETER & INFOS www.indien-reise.com www.indienaktuell.de www.zimt-indienreisen.de Wegweiser 9

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